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DIERETORTE

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auf den abstrakten Schematismus des „Sechstagewerkes", das die zu gleicher Zeit entstan-
denen Holzschnitte der IUe/ic/?roM:^ von schildern (Tafel IV). In

wortgemäßer und in ihrer frommen Strenge auch sinngemäßer Illustration gibt
IVo/ge^Mi, der sie entworfen hat, von Tag zu Tag ein schlagartig einsetzendes, in einem
Nu schon fertig dastehendes S e i n im Bilde wieder. Bosch aber stellt die unruhvolle
Zwischenstunde eines noch im Schmelztiegel brodelnden, das eine aus dem anderen hervor-
treibenden *W e r d e n s dar und weist dadurch, wie er im Ideellen auf ßö/?we vor-

gedeutet hatte, im Bildnerischen schon auf RcTw/'nwdf hin.

Bei solch selbständiger Auseinandersetzung mit der Genesis und ihrer vitalistisch neu-
artigen Deutung fragt es sich, ob nicht ein viel tieferer Grund die Beibehaltung des mosa-
ischen Weltbildes veranlaßt habe, als wir ihn in der strikten Bibelwörtlichkeit gemutmaßt
hatten. Wir glauben ihm durch folgende Erwägung auf die Spur zu kommen: Jene antike
Sphaira mit dem Orbis-Querschnitt stellt siA in ihrer Kugelform als ein schlechthin voll-
kommenes Gebilde, als reiner Inbegriff des Kosmos dar. Ihre kristallene DurAsichtigkeit
erhöht sie zugleich zu dem Range höchster Geistigkeit: zum Wesensabglanz Gottes, wäh-
rend die Ei-Gestalt des Orbis das Symbol des ewig schöpferischen Werdens ist. Diese sinn-
bildliche Beziehungsdreiheit überwiegt so sehr eine nur bibelwörtliche Illustrationsbemü-
hung, daß sie als eigentliche Zelle unsres Bildgedankens zu betrachten ist.

D/e Reiorie

Gewiß ist es gerade sein archaischer Charakter, der dem Kristallgewölb die Faszination
einer geheimnisträAtigen Urtümlichkeit und Heiligkeit verleiht, als sei es der Reichsapfel
in des HöAsten Hand. Doch sein spezifisAer Gehalt ist ein schwarmgeistiger Evolutionis-
mus, der sich im Biologischen zur A I ch e m i e bekennt, im TheoIogisAen in einen C h i -
I i a s m u s mündet.

Die AlAemie sah im Sechstagewerk ein Vorbild ihrer eigenen Operationen. So stellt
auch die kristallene Kugel eine chymische Retorte dar, worin die Erde als das Sinnbild
der Af^icrM = der Mutter, das Firmament als das Symbol des ewigen Vaters einbeschlos-
sen sind. Gott als der einheitliche Urgrund alles Seins erschuf — nach der alAemisAen
Theorie — die Welt, indem er seinen Lichtäther als aktives und formendes Prinzip dem
Urwasser als dem passiven, formlosen Prinzip vermählte. Aus ihrer wechselseitigen DurA-
dringung entstanden die vier Elemente. Kein Stoff kann, ohne daß man ihn zerstört,
von dem Urwasser, der „TTMferM p?*:7?M" abgesondert werden. Das Aymische Abbild die-
ser formlosen Urfeuchtigkeit ist jenes „trockene Wasser", das als aus den Seen auf-

steigt und um Berge qualmt. Er enthält den Samen aller Dinge, besitzt jedoA die Eigen-
schaft, schon bei geringster Erwärmung zu verschwinden. Dies flüAtig nebulose weibliAe
Prinzip gilt es in der alchemischen Operation durA Zuführung des männlichen Prinzips '
zu binden. Dann sind die aus der MisAung zur Gestalt werdenden Elemente auszuziehen
 
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