Ganz, David
Medien der Offenbarung: Visionsdarstellungen im Mittelalter — Berlin, 2008

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Einleitung

In Visionen tritt die visuelle Erfahrung innerer, geistiger Bilder mit dem Anspruch
auf, ein von Gott Geoffenbartes mitteilen zu können. Der Glaube an die Möglichkeit
derartiger revelatorischer Erlebnisse wird von zahlreichen Religionen geteilt. Große
Unterschiede werden hingegen in der Beziehung von visionärer Offenbarung und
materiellem Bild gemacht. In der christlich geprägten Kultur des Westens besteht
zwischen beiden lange Zeit eine enge, wenn auch problematische Verflechtung, die
von starker Ähnlichkeit wie von fundamentaler Differenz gekennzeichnet ist. Erst
seit der Aufklärung schlägt diese Doppelwertigkeit in eine strikte Trennung um: Der
anschauliche Strom des Imaginären wird strikt von jedem revelatorischen Gehalt
geschieden. Das Für-wahr-Halten innerer Bilder wird als Halluzination, als Trübung
oder Störung des Bewusstseins denunziert. Umgekehrt versucht die nachaufklärerische
Theologie die Vision dadurch in ihrem Offenbarungscharakter zu retten, dass sie die
visuellen Eindrücke, von denen die Visionäre berichten, als subjektive Imaginationen
von einem letztlich bildlosen Erlebnis der Gottesnähe trennt. Eigentlicher Kern der
Vision als göttlicher Offenbarung, so Karl Rahner, sei kein irgendwie geartetes Bild,
sondern ein abstraktes Berührtwerden durch Gott, um welches sich in der Phantasie
des Visionärs dann bestimmte visuelle Vorstellungen gruppierten.1

Das in der Visionsforschung häufig konstatierte Auseinanderbrechen von Visualität
und Offenbarung seit der Aufklärung hat etwas damit zu tun, dass die Schau geisti-
ger Bilder erkenntnistheoretisch nicht mehr unter die Medien gerechnet wird, über
die Menschen mit einem „Anderen", einem transzendenten Ansprechpartner gar, zu
kommunizieren vermögen. Eine Zirkulation von Bildern soll ausschließlich über ma-
terielle Bildträger möglich sein. Den Visionären wurde so die unbewusste oder sogar
vorsätzliche Verwechslung von subjektiven Bewusstseins-Bildern und intersubjektiv
wahrnehmbaren Medien unterstellt. Für eine historische Auseinandersetzung mit dem
Thema ist aber gerade diese Vermengung der faszinierendste Aspekt. Wie selbstver-
ständlich sie über lange Zeit hin war, lässt sich an Vorgängen der Transkription oder
Übertragung in die eine oder andere Richtung ermessen: Die äußeren Bilder konnten,
wie verschiedentlich gezeigt wurde, das Formular für die Gestalt einer visionären
Schau abgeben. Maria zeigte sich sub specie einer verehrten Madonnenfigur, Petrus
und Paulus erschienen mit den Gesichtszügen einer Doppelikone, Christus und eine
Gruppe von Heiligen in weißen Gewändern so, wie man sie an den Kirchenwänden
gemalt fand.2 Weitaus häufiger aber war der Transfer in die umgekehrte Richtung:
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