Ganz, David
Medien der Offenbarung: Visionsdarstellungen im Mittelalter — Berlin, 2008

Page: 313
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Künstliche Körpermale
Heinrich Seuses Exemplar

Auf gewisse Weise ist Franziskus auch für die mittelalterliche Visionsdarstellung je-
ner epochale Einschnitt geworden, als den ihn die Franziskaner von Beginn an sehen
wollten. Die „Erfindung der Stigmata", die der Orden gerade auch mittels bildlicher
Darstellungen betrieb, erwies sich als großer Erfolg. Man sollte daher annehmen, dass
die Stigmatisierung des Franziskus in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten
eine Welle der Nachahmung ausgelöst habe. Frömmigkeitsgeschichtlich ist in der
Tat seit dem 13. Jahrhundert eine größere Zahl von Stigmatisierten zu verzeichnen:
Elisabeth von Spaalbeck, Margaret von Ungarn, Dorothea von Montau, Katharina von
Siena und Lucia Broccadelli di Narni wären als Beispiele zu nennen.1 Dazu kommt eine
kaum überschaubare Menge an Visionsberichten aus dem Umfeld der spätmittelalter-
lichen Mystik, die ganz generell einen körperlichen Kontakt zwischen dem Visionär
und dem Visionsbild schildern.2 Ganz anders jedoch der Befund, wenn man auf die
Bildproduktion der Zeit schaut: Der Fülle an literarischen Körper-Visionen steht eine
erstaunlich begrenzte Zahl an Körper-Visionen in der Bildkunst gegenüber.3

Man kann diese Divergenz auf eine Reihe unterschiedlicher Gründe zurückführen.
Einer davon ist sicher das höhere Maß an institutioneller Kontrolle, dem Bilder dann
ausgesetzt waren, wenn sie in Kirchen oder Klöstern sichtbar aufgestellt wurden.
Die meisten der literarisch überlieferten Visionen hingegen konnten sich in einer
Grauzone jenseits einer offiziellen kirchlichen Anerkennung bewegen. Für bildliche
Darstellungen galten strengere Auswahlkriterien, zumal dann, wenn sie die von den
Franziskanern eifersüchtig gehütete Einzigartigkeit der Stigmatisierung ihres Or-
densgründers zu gefährden drohten. Gleichwohl, so ist zu konstatieren, gab es genug
literarische Körper-Visionen, die in dieser Hinsicht unverdächtig waren, und auch
Orte der Bildproduktion, die sich einer institutionellen Kontrolle entzogen.

Mediengeschichtlich zeichnet sich folgender Befund ab: Zwar spielt das Thema der
Bildandacht eine enorme Rolle als „Trigger" mystischer Visionserlebnisse, die Schilderung
der dabei ausgelösten Erfahrungen hatte ihre eigentliche Heimat im literarischen imagina-
rium des Textes.4 Wenn der Schritt zur Anfertigung von Visionsdarstellungen getan wurde,
dann war er mit weiterreichenden Zielsetzungen und Ansprüchen verbunden: Wie schon bei
Franziskus ging es in den meisten Fällen um die kultische Verehrung eines Heiligen oder
Seligen, für die Bilder ein unverzichtbares Medium waren. Bilder von Körper-Visionen
konnten Argumente für die heiligmäßige Auserwähltheit einer Person beisteuern, mussten
sich deshalb aber auch an einem hohen Wahrheitsanspruch messen lassen.?
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