Ganz, David
Medien der Offenbarung: Visionsdarstellungen im Mittelalter — Berlin, 2008

Page: 189
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7 Insel und Seitenrand

Die englischen Apokalypse-Zyklen
des 13. Jahrhunderts

Die zuletzt diskutierten Beispiele haben uns bereits an das Ende des in diesem Buch
behandelten Zeitraums und an den Rand des hier untersuchten Themas, in einen
Übergangsbereich von Imagination und inoffizieller „Privat"-Vision geführt. In den
folgenden Kapiteln möchte ich in einer Reihe von Rück- und Seitenblicken aufzeigen,
wie seit dem 13. Jahrhundert auch für die Darstellung offiziell anerkannter Visionen
neuartige Wege hin zum Inneren des Visionärs eingeschlagen werden. Der Übergang
von älteren zu neuen Dispositiven lässt sich an keiner Werkgruppe in größerer Dichte
verfolgen als an den ab ca. 1240 datierenden englischen Apokalypse-Handschriften:1
Mit 22 erhaltenen Exemplaren allein aus der Zeit bis 1300 stehen sie für eine im
gesamten Mittelalter nie wieder erreichte Nachfrage nach visionären Bildzyklen, für
die sowohl Geistliche wie Vertreter der Aristokratie verantwortlich zeichneten.2

Im Folgenden geht es mir nicht um eine Entwicklungsgeschichte der unterschied-
lichen „Familien" oder „Gruppen" der englischen Apokalypsen, sondern um einen
systematischen Blick auf zwei spezifische Dispositive, die jeweils auf ihre Weise dazu
beitragen, dem Inneren der visionären Schau einen neuen Ort zuzuweisen: erstens die
Platzierung des Visionärs auf einer Insel, die zur Schnittstelle für eine Rahmung der
Visionen durch Ereignisse der Johannes-Vita wird; und zweitens die Positionierung
von Johannes außerhalb der Visionsdarstellungen und sein Blick durch eine Öffnung
im Rahmen. Im Vergleich mit den Apokalypse-Zyklen des Frühmittelalters wird
schnell deutlich, wie der Seelen-Raum des Johannes sich nunmehr gegenüber den
göttlichen Schrift-Bildern verselbständigt und so die alten Rahmenbedingungen der
visio prophetica gründlich außer Kraft gesetzt werden.3

7.1 Der Visionär auf der Insel

Die Handschriften der Morgan-Gruppe

Am Beginn des Visionsgeschehens steht in allen englischen Handschriften, wie stark
sich diese auch sonst unterscheiden mögen, eine Darstellung des Johannes auf der
Insel Patmos, dem Verbannungsort des Visionärs (Taf. XXXVII).4 Ein Rückblick auf
die Apokalypse-Zyklen vor dem 13. Jahrhundert zeigt, dass diese Verortung des Se-
hers einen signifikanten Bruch mit einer älteren Tradition bedeutet: Patmos ist kein
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