Ganz, David
Medien der Offenbarung: Visionsdarstellungen im Mittelalter — Berlin, 2008

Page: 101
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3 Prophetische Träume

Bilderfindungen im 12. und 13. Jahrhundert

Das 12. Jahrhundert erlebt eine neue Konjunktur des Paradigmas Prophetie. Theologen
wie Hugo von St. Viktor und Rupert von Deutz beginnen, ein intensives Interesse
für die prophetischen Schriften der Bibel zu entwickeln und ihre Auslegung in neue
Richtungen zu lenken.1 Gleichzeitig treten neue Propheten wie Hildegard von Bingen
oder Elisabeth von Schönau auf, deren Prophezeiungen zunächst schriftlich, aber
bald auch schon bildlich überliefert werden. Die Neubestimmung der prophetischen
Offenbarung, die sich hier artikuliert, wird auch in den Visionsdarstellungen der
Zeit greifbar. Gegenüber der frühmittelalterlichen Situation ist zunächst die Vielfalt
an Modellen des Prophetischen hervorzuheben, die in die Bildkunst eingeführt und
weiterentwickelt werden. In einem zuvor unbekannten analytischen Zugriff wird der
Vorgang der prophetischen Offenbarung gewissermaßen seziert, werden die jewei-
ligen Anteile von Gott und Mensch, von Geist und Körper, von Visualität, Oralität
und Schrift neu ausgelotet. Eines der folgenreichsten Experimente dieser Art war die
Übertragung des Traumparadigmas in den Kontext der alttestamentlichen Prophetie.
Im Frühmittelalter hatte der Traum primär eine narrative Funktion innerhalb größerer
Erzählzusammenhänge besessen: Durch Akte der Ankündigung oder Bestätigung
verdeutlichten Träume den Verheißungs-Erfüllungs-Zusammenhang einer abge-
schlossenen Geschichte.2 Seit dem 12. Jahrhundert kann der Traum auch als Medium
prophetischer Weissagung auftreten, die - wie Gregor es formuliert - „zu Recht als
solche bezeichnet wird, [...] weil sie Verborgenes offenbart."3

3.1 Ein neuer Prophet

Der träumende Jesse

Unter den neuen Bildprägungen des 12. Jahrhunderts zählt die Wurzel Jesse zu den
erfolgreichsten und vielseitigsten. Ihre Genese und geographische Verbreitung ebenso
wie ihre Omnipräsenz in den unterschiedlichsten Bildmedien sind in zahlreichen Stu-
dien umfassend aufgearbeitet worden.4 Mir geht es hier um diejenigen Darstellungen
des Themas, die Jesse schlafend darstellen und so eine Traumvision als Handlungs-
rahmen indizieren. Wie wurde Jesse, der Vater Davids, zum Träumer? Diese zuletzt
für die Geschichte der Traumdarstellung diskutierte Frage soll im Folgenden in den
Problemhorizont prophetischer Visionsbilder gestellt werden.5
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