Ganz, David
Medien der Offenbarung: Visionsdarstellungen im Mittelalter — Berlin, 2008

Page: 247
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Gehäuse
Ein neues

Paradigma

der inneren Schau

Zum dominierenden Dispositiv für die Visualisierung einer inneren Schau entwickelt
sich im Spätmittelalter der Innenraum: die Zelle, die Kammer, die Höhle, der Turm,
das Kloster, das Haus. Sowohl in der geistlichen wie der weltlichen Literatur des
Mittelalters war die architektonische Metaphorik gebauter Innenräume schon lange
einer der leitenden Topoi zur Beschreibung des inneren Menschen gewesen.1 Die
bereits im frühen Christentum bekannte Vorstellung vom Herzen als Tempel für die
Einwohnung Gottes wurde in der hochmittelalterlichen Literatur aufgegriffen und zu
vielgestaltigen Bildern ausdifferenziert. Trotz seines hohen Visualisierungspotentials
hat dieser Bildervorrat in den Visionsdarstellungen lange Zeit nur geringe Beachtung
gefunden.2 Nur zögerlich und vereinzelt geht man im Hochmittelalter dazu über, In-
nenräume gezielt als Orte der visionären Schau zu wählen, und dies auch in solchen
Fällen, wo sie nicht schon im entsprechenden Erzählstoff gefordert oder „vorgeschrie-
ben" werden.3 Im 14. und 15. Jahrhundert können wir dann eine Popularisierung der
Innenraummetapher beobachten, die alle anderen Lösungen schnell in den Schatten
stellt. Die zeitliche Verschiebung gegenüber der literarischen Entwicklung dürfte
ein Indiz dafür sein, dass die Bilder anderes leisten, als die Metaphorik der Texte zu
visualisieren. Das Interesse an der bildlichen Darstellung innerer Räume läuft zeitlich
parallel mit generellen Tendenzen der Verräumlichung in der Bildkunst - wie sich
diese beiden Entwicklungen zueinander verhalten, ist bisher noch nicht untersucht
worden.4

Die Vorgeschichte unseres Themas lässt sich gut am älteren Paradigma der
Traumvision verfolgen. Traumdarstellungen des Früh- und Hochmittelalters zeigen
zwar immer wieder Traumvisionäre innerhalb ihres Schlafgemachs, ohne jedoch die
Grenze zum Außen zu thematisieren, welche den Innenraum erst als einen solchen
konstituiert.5 Konstitutiv ist eine Schwelle zur Außenwelt lediglich in einem beson-
deren Fall: Träumen, die zum Antritt einer Reise auffordern, beispielsweise die Träu-
me der Heiligen Drei Könige oder der Traum Josephs vor der Flucht nach Ägypten
(Abb. 35). Die Tür, welche diese Akteure durchschreiten, steht für die Relation von
geträumtem Auftrag und tatsächlicher Ausführung, die das Eingreifen Gottes in die
Heilsgeschichte sichtbar machen soll.6 Im Unterschied zu dieser Konstellation geht
es im Folgenden um eine Metaphorisierung von Innenräumen als Orten seelischer
Aktivität: Sie werden zu Gefäßen der Speicherung und Verarbeitung visionärer Bilder
oder zu Brautgemächern einer visionären unio mit Gott.7
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