Ganz, David
Medien der Offenbarung: Visionsdarstellungen im Mittelalter — Berlin, 2008

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SEELEN-RÄUME

Repräsentationsmodellen des inneren Blickes ist dieser mittleren Position innerhalb
eines prinzipiell immer dreistelligen Modells Rechnung zu tragen.

Als das „Andere des Körpers"3 stand die Seele in einem Verhältnis relativer Nähe
zu Gott. Der innere Blick konnte so gesehen über seine Integration in das göttliche
Sehen definiert werden, wie in Kapitel 5 an zwei grundlegenden Dispositiven der
inneren Schau, dem Bett des Traumvisionärs und der Mandorla des himmlischen
Christus deutlich gemacht werden soll. Doch im weiteren Verlauf des Mittelalters
werden zunehmend auch Dispositive entwickelt, welche der inneren Schau einen
eigenständigen Ort im menschlichen Subjekt zuweisen und damit überhaupt so etwas
wie ein Konzept von Innerlichkeit im Sinne eines distinkten Raumes artikulieren. Die
Prähistorie solcher Bildmodelle lässt sich an zweiteiligen Darstellungen mit Dipty-
chon-Charakter herausarbeiten, die den Visionär und die Vision auf zwei getrennten,
nur durch ein Gelenk miteinander verbundenen Bildträgern unterbringen (Kapitel 6).
Erst seit dem 13. Jahrhundert zeichnet sich dann eine breitere Tendenz ab, das Innere
des Visionärs als unabhängigen Ort zu bestimmen. Die reiche Produktion des 13. und
14. Jahrhunderts an Apokalypse-Zyklen in unterschiedlichen Medien (Bilderhand-
schrift, Tapisserie, Tafelmalerei) liefert das ergiebigste Material, um dieser Frage
nachzugehen (Kapitel 7 und 8). Themenübergreifend etabliert sich dann im späteren
Mittelalter das Dispositiv des Gehäuses, das den inneren Raum der Vision definiert
(Kapitel 9). In all diesen Fällen ist der Fokus der Grenzziehung zwischen Innen und
Außen stets ein doppelter: Im Verhältnis zu Gott schafft die Grenzziehung Freiräume
für eine selbstbestimmte Aktivität des visionären Subjekts. Gegenüber der sozialen
Außenwelt lässt die Begrenzung den Innenraum zum Ort eines geheimnisvollen und
verborgenen Tuns werden.4

Anmerkungen

1 Jan Assmann, Vorwort, in: Assmann 1993, S. 9-11, hier: S. 9. Zu einem Überblick über die Geschichte dieses
Konzepts im Christentum vgl. Andre Derville, Homme interieur, in: DS 1937-95. Bd. 7 (1969), Sp. 650-674;
Angenendt 1997. S. 235-261; Christoph Markschies, Innerer Mensch, in: RAC 1950ff, Bd. 19 (2001),
Sp. 266-312.

2 Vgl. Ringbom 1980. Ringbom hat die gleichen Überlegungen noch einmal in deutscher Sprache vorgelegt, vgl.
Ringbom 1992. Exemplarisch für die Verkürzungen, zu denen dieser Ansatz führt, Freedberg 1999.

3 So der Titel der Tagung, aus welcher der Sammelband Philipowski/Prior 2006 hervorging.

4 Vgl. Keller 2000; Kramer/Bynum 2002.
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