Hartlaub, Gustav Friedrich
Zauber des Spiegels: Geschichte und Bedeutung des Spiegels in der Kunst — München, 1951

Page: 118
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In speculo,
in aenigmate

I. Kor. 13, 12

Sechstes Kapitel

DER MAGISCHE SPIEGEL IN DER MALEREI

Jahrtausende hindurch, so haben wir im zweiten Kapitel gesehen, hat man
dem Spiegel außer seiner jederzeit nachprüfenden Leistung noch andere
geheimere Dienste abverlangt39), und diese haben auch seine Gestalt, seinen
Schmuck beeinflußt. An die vielen schwindelharten, nur scheinbar ma/
gischen, in Wirklichkeit optisch zu erklärenden Vorspiegelungen und
Spiegelgaukeleien, wie sie von jeher zur sogenannten „Natürlichen Magie"
gehört haben, brauchen wir nur noch einmal zu erinnern. Auch mit der
einen psychologischen Wirkung, daß nämlich die spiegelglatte Fläche, wie
andere glänzende Dinge, auf den, der hineinblickt, faszinierend wirkt,
ihn also dem Willen und der Einbildung eines anderen unterwirft, auf
alles also, was mit dem magisch „wirkenden" Spiegel zusammenhängt,
brauchen wir uns nicht noch einmal zu beschäftigen. Wohl aber ist auf
den wissenden Spiegel zurückzukommen, da er der Malerei und den
graphischen Künsten immerhin häufiger gewisse sachliche und symbo^
lische Motive geliefert hat. Wir erinnern uns, daß der lange Zeit Hinein^
starrende, bei entsprechender seelischer Veranlagung und Verfassung, im
Spiegel etwas wahrnehmen kann, was keine sichtbare Entsprechung besitzt
und auch nur von ihm erblickt wird. Für die heutige Erkenntnis liegt der
Wert solcher halluzinatorischen Erfahrungen darin, daß sie wie „Steigrohre
des Unterbewußten" wirken, lehrreich für den Psychologen und Psychiater,
nicht zuletzt auch für den Erforscher dunkler, paranormaler Beziehungen.
Für unsere Altvorderen und erst recht für die sogenannten Primitiven waren
sie wunderbare Bekundungen, sei es von Göttern, sei es von Dämonen,
schließlich auch des eigenen Genius und der eigenen Seele mit ihren gc
heimen Kräften.

Zur Katoptromantie, wie man sie genannt hat, traten in der Divina^
tionsliteratur des 16. Jahrhunderts eine ganze Anzahl von Orakeln, die für
unsere psychologische Sicht alle auf demselben Grunde ruhen und von denen
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