Hartlaub, Gustav Friedrich
Zauber des Spiegels: Geschichte und Bedeutung des Spiegels in der Kunst — München, 1951

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Siebentes Kapitel

DER SPIEGEL ALS SYMBOL

/. Sprache und Kunst

In unserem einleitenden Kapitel „Spiegel und Seele" haben wir des Spie
gels im Volksglauben gedacht und dabei den allgemeinen Hintergrund ge
schaffen für das Verständnis gewisser magischer Einzelmotive, wie wir sie
soeben in der Malerei betrachtet haben. Wir sind auch in großen Zügen auf
den Spiegel im religiösen Mythos und Kultus der Völker eingegangen. Inne^
gehalten haben wir an den Punkten, da die religiös/magische Kultsymbolik
des Spiegels in eine allgemeinere Sinnbildlichkeit unseres Gerätes überging.
Hier setzen wir wieder an, indem wir freilich den gewaltigen Umfang des
Spiegelsymbols im Reiche der Sprache nur flüchtig umgreifen und uns im
übrigen auf das Spiegelsinnbild beschränken, wie es in der bildenden Kunst
der verschiedenen Epochen erscheint. —

Wie erklärt sich — so fragen wir noch einmal — die besondere Eignung des
Spiegels, zur Form für Geistiges zu werden, und zwar im vielfältigen Sinn;
Obgleich sich die verschiedenen Bedeutungen, die er annimmt, in vielen
Fällen überlagern und mischen, kann man die Eigenschaften, mit denen er
zum Sinnbilde werden konnte, wenigstens theoretisch unterscheiden.
Den ersten Ausgangspunkt erkennen wir in jener besonderen, von uns schon
hervorgehobenen Beschaffenheit des Spiegels selbst: seiner Glätte, Reinheit,
seinem Glanz — Eigenschaften, aus denen sich dann die Lehre von seiner
„Lichtverwandtschaft" abgeleitet hat42). Weiter vor allem in dem so wichtig
gen Hauptvermögen: der eigentlichen Spiegelung. Überall, wo es sich dar/-
um handelt, eine Sache, ein Verhältnis, eine Idee nicht direkt, unmittelbar,
sondern mittelbar durch das Medium einer anderen, sie nur wiedergebenden,
ihr „entsprechenden" Form zu erkennen, bietet sich das Spiegelgleichnis an.
Je nach Bedarf kann dabei das Ideal<Genaue der Entsprechung in dem kri/
stallklaren, rein aufnehmenden Medium hervorgehoben werden — seine
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