Hartlaub, Gustav Friedrich
Die Impressionisten in Frankreich — Wiesbaden, [circa 1953]

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III

ORT UND WELTSTUNDE

Der Entwicklungssprung zum Impressionismus, die Entdeckung, was für Farben »eigentlich« in der
Natur stecken und wie man sie zur Geltung bringt — dies bald mehr als Recht des subjektiven Sehens,
bald auch als wissenschaftliche Feststellung proklamiert —, die Wertung des kleinsten Zeitmoments, die
improvisierende Malwcise im Freien: das alles und anderes Zugehörige entstand zuerst im Paris der zweiten
Jahrhunderthälfte. Warum nicht anderswo, in Deutschland zum Beispiel, warum nicht auch früher?
Als — um 2uerst auf letztere Frage einzugehen — um 1900 der Impressionismus Gemeingut in der Kulturwelt
geworden war, entdeckte man, daß es einen solchen schon mehrfach gegeben habe. Man begann die Ver-
gangenheit der Kunst daraufhin zu durchmustern, ja sie umzuwerfen. In der Tat lassen sich einzelne Ele-
mente dessen, was sich nach 1870 bei den Monet, Pissarro, Sislcy, teilweise auch bei denjenigen, die wir
zum äußeren Ring rechnen dürfen, zusammengeschlossen hat, schon früher, ja immer nachweisen. So
schon bei einigen Malern der Generation von 1830, der einst so berühmten Künstler-Kolonie von Bar-
bizon, mag diese auch im ganzen wesentlich anderes gewollt haben. Der » Corot d'Italic« mit seinen
frühen Veduten, aber auch der Corot späterer Frauenbilder mutet uns heute noch erstaunlich modern an.
Der unerschöpfliche und elastische Daubigny trat in seinem Alter noch 111 fruchtbare Auseinandersetzung
mit den Neuerern von 1870. Der genialische Farbenmagier Diaz, wie erst recht sein Nachfolger Monti-
celli, haben später einen van Gogh begeistert. Im ganzen hatten aber die englischen Landschafter um 1800,
hatten die Crome, Constable, Bonington, Turner bereits von dem Pleinair der Impressionisten mehr vor-
weggenommen, als jene jüngeren Franzosen. Old Crome kannte schon eine gewisse Farbteilung. Seinem
Zeitalter weit voraus, wenn auch unter romantischem Vorzeichen, überdies wohl pathologisch enthemmt,
hat der genialische Turner schon das Komplementärprinzip der Scurat und Signac anteeipiert. Unbekannt
dagegen war in Frankreich, daß auch in Deutschland, bei einem C. D. Friedrich, Wasmann, Olivier, Ble-
chen eine erstaunliche Unbefangenheit gegenüber dem Atmosphärischen nicht nur, sondern überhaupt in
Bezug auf den Bildausschnitt und das Motiv der Landschaft hervorgetreten war. Daß der junge Adolf
Menzel bereits eine impressionistische Technik mit einem Sinn für intime Motive verbunden hatte, scheint
immerhin ein Dcgas geahnt zu haben, der ihn gelegentlich kopiert hat.

Hinter das 19. Jahrhundert zurückschauend, mochte man »Impressionistisches« weiter bei Fragonard, bei
Goya, noch früher bei Velasquez entdecken, in den Farbskizzen des Rubens, nicht zu vergessen bei Tin-
toretto. Andererseits gab es auch bei den Niederländern des 17. Jahrhunderts, besonders bei den Klein-
meistern der Landschaft und des Interieurs, Anflüge eines unbefangenen, modern anmutenden Sehens. Die
soziologischen Voraussetzungen — weder Flof noch Kirche als Auftraggeber, aber ein bürgerliches Lieb-
haber- und Sammlerpublikum — waren ja auch mit denen im späten 19. Jahrhundert bis zu einem ge-
wissen Grade vergleichbar.

Nicht soziologisch, wohl aber was die typische Entwicklungslage anbetrifft, bieten sich in viel tieferer
Vergangenheit auch gewisse Phasen der spätantiken Malerei zum Teil-Vergleich an. Und so kann man
noch weiter zurückgehen, kann im alten Kreta, in den Amarna-Malereien der Ägypter Analogien ent-
decken, ja schließlich mit einem gewaltigen Sprung 111 die Frühzeit der Menschheitsentwicklung sogar so
etwas w7ic einen »Impressionismus« in altsteinzeitlicher Höhlenmalerei freilegen: womöglich den Anfang
der Malerei überhaupt!

Alle diese Vorgänge, wie sie der für die betreffende Weise des Sehens neu erweckte Sinn nun plötzlich
zu erlauschen glaubt, dürfen freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß man von einem Impressionismus
in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden nur vergleichsweise, partiell, nur cum grano salis sprechen
darf. Die eigentliche Weltstunde des Impressionismus sollte doch erst schlagen, als eben alle soziologischen

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