Hartlaub, Gustav Friedrich
Die Impressionisten in Frankreich — Wiesbaden, [circa 1953]

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ZEUGNISSE

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ZEITGENÖSSISCHE KRITIKERSTIMMEN

EMILE ZOLA über Claude Monets » Camille« (1866, Kunst-
halle Bremen).

Ich gestehe, daß das Gemälde, das mich am längsten festgehalten
hat, » Camille « von Herrn Monet ist. Es ist eine energische und
lebendige Malerei. Ich war eben durch die so kalten und so
leeren Säle geeilt, müde, weil ich kein einziges neues Talent
fand, als ich diese junge Frau sah... Sie würden nicht glauben,
wie wohl es tut, ein wenig zu bewundern, wenn man es satt
hat, zu lachen und die Achseln zu zucken. — Ich kenne Herrn
Monet nicht, ich glaube sogar, daß ich niemals vorher eines
seiner Bilder aufmerksam betrachtet habe. Doch kommt es
mir vor, ich sei ein alter Freund von ihm, und das, weil mir
sein Bild eine ganze Geschichte von Energie und Ehrlichkeit
erzählt. — Jawohl! Hier ist ein Temperament, hier ist ein
Mann in dieser Menge von Eunuchen. Schaut Euch die Bilder
daneben an und seht, wie kläglich sie neben diesem Fenster
auf die Natur hinaus aussehen. Hier ist mehr als ein Realist,
hier ist ein feinfühliger und starker Interpret, der jede Einzel-
heit wiederzugeben verstand, ohne in Geistlosigkeit zu verfallen.

Der Kunstkritiker ARMAND SILVESTRE über die Impres-
sionisten in » Opinion Nationale «.

Die Schule (der Impressionisten) hat das Pleinair in einem
bisher unbekannten Grade verwirklicht. Sie hat eine auffallend
helle und bezaubernde Tonskala in Mode gebracht... eine Art
sehr summarischer und sehr heller, analysierender Impression.
Was mich anlangt, ich finde bei ihr die Annehmlichkeit einer
vollkommenen Harmonie, nach einer Lawine von Dissonan-
zen... Nichts ist weniger naiv als ihre Manier, nichts ist ein-
facher als ihr Ziel.

EDMOND DURANTY über die Impressionisten.

Ihre Entdeckung besteht speziell darin, daß sie erkannt haben,
daß das starke Licht den Tönen Farbe nimmt, daß die von
den Objekten reflektierte Sonne infolge ihrer Helligkeit die
Tendenz hat, die Töne zu jener leuchtenden Einheitlichkeit
zurückzuführen, welche die Farben des Prismas in eine einzige
farblose Wirkung verschmilzt, die das Licht ist.

GUY DE MAUPASSANT über Claude Monet im »Gil
Blas« (1886).

Vergangenes Jahr bin ich oft Claude Monet auf seiner Suche
nach Impressionen gefolgt. Das war in Wirklichkeit nicht mehr
ein Maler, sondern ein Jäger. Er zog hinaus, gefolgt von Kin-
dern, die seine Leinwände trugen, fünf oder sechs Leinwände,
die dasselbe Motiv zu verschiedenen Stunden und mit ver-
schiedenen Effekten wiedergaben. — Er nahm sie vor und
ließ sie sein, abwechselnd, je nach den Veränderungen des
Himmels. Und der Maler vor dem Motiv wartete, spähte
nach der Sonne und den Schatten und hielt mit einigen Pin-
selhieben den Sonnenstrahl oder die vorüberziehende Wolke
rasch auf seiner Leinwand fest. — Ich sah so, wie er ein fun-
kelndes Lichtmeer auf den weißen Klippen aufgriff und es in
einem Strom gelber Töne festhielt, die den überraschenden
und flüchtigen Effekt dieses nicht faßbaren und augenblen-
denden Strahlens seltsam wiedergaben. — Ein anderes Mal
packte er mit ganzer Kraft einen Platzregen an, der auf das
Meer niederging, und warf ihn auf die Leinwand. Und es war
wirklich Regen, was er da gemalt hatte, nichts als Regen,
der die Wellen, die Felsen und den Himmel, die unter dieser
Sintflut kaum erkennbar waren, verhüllte.

THEODORE DURET über Claude Monet in der Broschüre
»Die impressionistischen Maler« (1878).

Monet ist der Impressionist par excellence, denn es ist ihm
gelungen, flüchtige Impressionen festzuhalten, welche die
früheren Maler vernachlässigten oder von denen sie angenom-
men hatten, es sei unmöglich, sie mit dem Pinsel wiederzu-
geben. Die tausend Nuancen, die das Wasser des Meeres und
der Flüsse annimmt, das Spiel des Lichtes in den Wolken, das
vibrierende Kolorit der Blumen und die durchsichtigen Reflexe
des Laubes unter den Strahlen einer brennenden Sonne wurden
von ihm in ihrer ganzen Wahrheit erfaßt. Indem er die Land-
schaft nicht nur in ihrem unveränderlichen und permanenten
Zustand, sondern auch unter den flüchtigen Aspekten, die ihr
die Zufälle der Atmosphäre verleihen, malt, vermittelt Monet
von der geschauten Szene eine erstaunlich lebendige und
packende Vorstellung. Seine Bilder vermitteln sehr reale Im-

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