Hartlaub, Gustav Friedrich
Die Impressionisten in Frankreich — Wiesbaden, [circa 1953]

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vorigen Jahrhunderts unangetastet ließen. Wie würden dieselben » Reiniger« wohl gegen Maler wie
Manet, Cezanne oder van Gogh gewütet haben, wenn ihre Aktion ein gutes halbes Jahrhundert früher
stattgefunden hätte oder noch früher — zu einer Zeit also, da sogar ein wohlerzogen großbürgerliches
Publikum vor der » Olympia«, vor dem » Frühstück im Freien« eines Manet sich in seiner moralisch
ästhetischen Empörung nicht mehr zu kennen schien! Doch inzwischen hat sich eben unser Organ des
Sehens und Vcrstehcns weitgehend angepaßt, ein unaufhaltsamer Prozeß, dem selbst der Widerstrebende
sich auf die Dauer nicht entziehen kann.

Und doch sind die Revolutionäre von 1870, 1880 und 1890 eigentlich »an allem schuld«, was später
kommen sollte und heute nicht nur von Anhängern der Kulturdiktaturen so heftig verwünscht wird.
Die eigentliche Moderne, auf der wir heute noch fußen, beginnt — warum, werden wir darzulegen
haben — bei Edouard Manet und seinen Mitstrebenden, in mancher Beziehung sogar noch früher,
nämlich bei dem Realisten Courbct.

Wir haben heute erkannt, daß die künstlerischen Richtungen, welche um die Wende zu unserem Jahr-
hundert und schon vor ihr den Impressionismus wieder überwinden wollten, daß die sogenannten
Fauves in Frankreich, ein Edvard Münch in Skandinavien, die Expressionisten in Deutschland vieles
von seinen Eroberungen doch nur weitergeführt haben — auf neuer Ebene freilich. Glauben wir doch
heute, Fauvistisches, Expressionistisches schon gelegentlich bei Manet — etwa in gewissen kühnen Tusch-
pinselzeichnungen —, Abstraktes später bei Monet zu entdecken. Die neue Kunst begann nicht erst mit
van Gogh oder mit Cezanne. Wir haben Grund, gewisse kurzfristige Antithesen innerhalb ein und der-
selben Entwicklung leichter zu nehmen und dafür die einheitliche Linie im Werden der modernen Kunst
anzuerkennen, derjenigen also, die Lebensfaktoren Ausdruck gibt, welche zu den vortechnischen
Daseinsformen des Menschen hinzugekommen sind und eine tiefgreifende Umwälzung seines Lebens
bewirkt haben. Die Impressionisten in Frankreich waren die ersten Modernen. Sind sie heute schon
längst unumstritten, so darf man das auch für so manche Künstler hoffen, die — nehmt alles nur in
allem - aus ihren Impulsen nur neue Konsequenzen gezogen haben.

II

DIE IDEE DES IMPRESSIONISMUS

Wie und wann bei den Künstlern die Formulierung entstanden ist, sie wollten nur ihre » Eindrücke « malen,
in welcher besonderen Situation die Rede vom Impressionismus als einem neuen bewußten Prinzip des
künstlerischen Verhaltens aufgekommen ist, was man direkt im Auge hatte und wovon man sich damit
zu unterscheiden suchte: darüber werden wir in unserem historischen Abriß berichten. Wir werden er-
fahren, daß es vorläufig über das suggestive Schlagwort hinaus nicht zur Festlegung eines Programms
kam, daß es sich zunächst mehr nur um ein Banner handelte, unter dem sich eine Reihe von Malern für
einige Zeit zusammenzufinden für gut hielt. Maler, die keineswegs in allem übereinzustimmen meinten
und zum Teil denn auch verschiedene Wege gegangen sind. Erst nachträglich, aus unserem nun schon
historischen Abstand, erkennen wir, daß der Impressionismus doch so etwas wie eine Schule, ja darüber
hinaus ein auf französischem Boden erwachsener Stil der Malerei, schließlich sogar etwas wie ein Weltstil
geworden ist, eine zeitnotwendige Gemeinsamkeit im Verhältnis der Künstler zur Natur, zum Menschen:
eine solche, die — wenn auch aus jeweils verschiedenen Gründen — auch so manche Kunstschaffende
mitumfaßte, die sich im engeren Sinne gar nicht voll hinzurechneten oder doch nur aus taktischen
Gründen mitmachten.

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