Hartlaub, Gustav Friedrich
Die Impressionisten in Frankreich — Wiesbaden, [circa 1953]

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anbetrifft, als überlebten Ballast; von den alten Meistern wünschte er nur ihr gutes Handwerk, ihr Können,
ihre zeichnerische, zum Teil auch ihre malerische Qualität weiterzubilden. Es bleibt erstaunlich, daß Cour-
bets » Realismus« — ein Schlagwort, dessen er sich nur in seinen Programmen bediente, während er es
als Künstler mit Vorbehalt anwandte — ungebrochen eigentlich nur in Deutschland weitergewirkt
hat. In Frankreich begannen die Nachrückenden ja schon in den sechziger Jahren, bei aller Bewunderung
für den Meister von Omans, gewisse Seiten seines Verhältnisses zur Natur abzubauen. Courbets Verlangen
nach Wirklichkeit realisierte sich in einer meist nahsichtigen und » haptischen «, darum jedem Beschauer
verständlichen Objektivierung, die den Dingen ihre plastisch körperlichen Qualitäten, ihre Schwere, ihre
Reize für das Tastgefühl beläßt. In der Farbe strebte er über das Lokalkolorit hinaus zu einem zusammen-
haltenden Gesamtton — wohingegen er von einer neuen, im ganzen höheren Skala der Farbhclligkciten
nur wenig wissen wollte. Höchstens in den landschaftlichen Hintergründen, wie sie die Figuren umgeben,
gab er dem Atmosphärischen Raum, malte er mehr schon in Flächen und Flecken und mit einer unver-
triebenen Pinselführung — wovon denn auch die jüngere Generation lernen konnte. Von der Rundheit
und Schwere bei Mensch und Tier wollte Manct — wie in einem plötzlichen Gcgcnschlag — nichts
mehr wissen. Spottend sprach er von » Billardkugeln«, denen bei Courbct alles ähnlich werde. Dieser
seinerseits verglich, nach der berühmten Anekdote, die Bilder des Jüngeren mit Spielkarten, eben wegen
ihrer Flächigkeit, ihrem Absehen — heute würden wir sagen: ihrem »Abstrahieren« —von Modellierung
und Perspektive, wobei ein Manet alle bequemen Schgcwohnheiten zur Umstellung aufforderte.

V

DIE IMPRESSIONISTEN IN FÜNF DEZENNIEN

UM DIE JAHRHUNDERTMITTE

Einige Maler der siebziger und achtziger Jahre, Führer und Gefolgschaft, stellen sich uns als » Vollimpres-
sionisten« dar. Andere sind dazu erst im Verlauf ihrer Entwicklung gelangt oder sie sind nur davon
ausgegangen. Wieder andere haben zu keinem Zeitpunkt alle Aspekte vereinigt, die wir zum »Pro-
gramm« rechnen durften; sie haben immer nur einige von ihnen realisiert.

Wer in diesem Sinne zu den Impressionisten gezählt zu werden pflegt und auch wirklich in keiner an-
deren Gruppe besser aufgehen würde, den wollen wir in den folgenden Notizen von seinem Auftreten
bis zu seinem Abgang von der Weltbühne der Malerei begleiten: zusammen mit seinen zugehörigen Zeit-
genossen, also gewissermaßen synchronistisch.

In den fünfziger Jahren stand Gustave Courbet im Zenith. Seine Sturm- und Drangjahrc lagen hinter
ihm. Nach dem Umsturz von 1848 — zum ersten Mal hatte man einen juryfreien Salon erlebt — war
die Stunde für ihn gekommen: im Salon, wo er sechs Bilder ausstellen durfte, war ihm sogar eine Me-
daille zugesprochen worden. Courbets mächtige, anarchisch-selbstgefällige Persönlichkeit bildete einen
natürlichen Mittelpunkt. Man traf sich mit ihm in seinem Atelier in der Ruc Hautcfeuillc im Quartier
Latin oder in einer Brasscric, wo mit Kollegen und gleichgesinnten Schriftstellern das Programm des
Realismus erörtert wurde. Hauptwerke, in denen das figürliche Element überwiegt, wurden in dieser
Zeit gemalt: schon 1850 das damals so anstößige »Begräbnis von Omans«, dann das Familienbild Pru-
dhons, die » Ringer «, die » Weber « und vor allem das riesige » Atelier «, diese verblüffende » realistische
Alle gorie« des eigenen Künstlerdaseins. Auch schon Landschaften mit den bekannten Fels- und Fluß-
motiven aus des Künstlers Heimat entstanden. Die Figuren, meist aus der bäuerlichen und proletarischen
Wirklichkeit gegriffen, sind altmeisterlich-fest gemalt, wenn sie auch meist dicht am Bildrand in flächen-

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