Hartlaub, Gustav Friedrich
Die Impressionisten in Frankreich — Wiesbaden, [circa 1953]

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Rousseau war gewissermaßen immer bei den Anfängen —■ was allerdings nur ersprießlich werden konnte,
weil dieser beinahe schwachsinnige Dilettant nun einmal zugleich ein Genie gewesen ist.
Degas' Kunstweise stand bereits in den achtziger Jahren fest. Seither hat er sich nicht mehr entscheidend
gewandelt. Zu einem Altersstil hat er es nicht bringen können. Noch aber ließ er ein Meisterwerk auf
das andere folgen. Er war auch mit seinem enormen Können ein großer Lehrer und Anreger. Persönliche
Schülerin von ihm war die vor allem in USA berühmt gewordene Mary Cassatt. Von den malenden
Frauen der impressionistischen Gruppe war sie wohl die selbständigste. Ihre Bilder aus den achtziger und
neunziger Jahren — neben Sujets ä la Manet und Degas vor allem mütterliche Motive umfassend —
haben nichts von der Härte und Menschenfeindlichkeit ihres Lehrers angenommen, halten sich aber durch-
aus fern von sentimentalem Genre.

Auch Forain, überlegener Zeichner für Witzblätter, Lithograph, Radierer, Plakatkünstler, hat von Degas
und Manet gelernt, jedenfalls in manchen impressionistischen Aquarellen, während seine Ölskizzen sich
mehr an Daumier anschließen. Forain ist bei uns, ähnlich wie Gieret, der Montmartrezeichner, und dessen
Zeitgenosse Steinlen, die er beide an Härte und Sachlichkeit übertrifft, allzu sehr im Schatten des jüngeren
Lautrec geblieben.

Dieser selbst entzündete in den neunziger Jahren ein phantastisches Feuerwerk, dem nur zu bald die totale
Finsternis folgen mußte. Eine Ausstellung, die Joyant, sein Biograph, von ihm einrichtete, hatte Degas
interessiert. 1892 wandte er sich der Lithographie zu. Seine großen Plakate überboten alles auf diesem
Felde Vorangegangene und Vergleichbare. Sie haben so mancher Tagesgröße des Montmartre, Conferen-
ciers, Diseusen, Coupletsängern, zu einer gewissen Unsterblichkeit verholfen, während Degas seine Per-
sonen meist mehr im Anonymen belassen hatte. Die gleiche Technik diente ihm für Menüs, Buchumschläge,
Einladungskarten, Notenhefte, Illustrationen, für ganze Blätterfolgen wie die »Vieilles histoires«, das
» Cafe Concert«, Yvette Guilbert (die im » Divan Japonais« auftretende Diseuse) oder die berühmt berüch-
tigten » Elles «. Lautrecs Farbskala ist von aufreizendem Raffinement: sie besteht aus einer typisch gewor-
denen Folge von grauen, graubraunen, graugrünen Tönen; dazu ein kaltes Blaugrün, gelbliches Erbsen-
grün, ein grelles Orange, Zinnoberrot neben Karminrosa. Heute sind neben den Drucken auch die Pastelle
und Ölbilder unseres kapriziösen Genies zu Ehren gekommen, dessen Wahlspruch als wichtigste Quali-
täten eines Künstlers drei — höchst impressionistische — Tugenden feierte: die Beobachtung (Observation),
den Geschmack (gout) und den » esprit«. Freilich kamen zu diesen so gallisch anmutenden Vorzügen auch
recht unheitere Momente: nicht Menschenverachtung wie bei Degas, wohl aber ein desperater Zug, der
seinen Venusdienerinnen einen nicht nur überanstrengten, sondern geradezu makabren Zug verheh.
Nicht verwunderlich bei einem, der selber seine schwachen leiblichen und starken geistigen Kräfte mit
dem Willen zur Selbstvernichtung verzehrte.

VI

NACHIMPRESSIONISMUS

Renoir, Degas, Toulouse-Lautrec waren Außenseiter des Impressionismus. Cezanne hat ihn » überwunden «.
Wer zur eigentlichen Kernbewegung gehörte, haben wir gesehen; ebenso, daß die Seurat und Signac
noch einmal den zentralen Antrieb weiterführten. War mit ihnen nun der große Impuls erschöpft ;
Hier ist nicht der Ort, um auf die Ausstrahlungen in die germanischen Länder — Skandinavien und Deutsch-
land mit ihren eigenen Vorbedingungen -— einzugehen. Wohl aber sei noch ein Blick geworfen auf das,
was man Nachimpressionismus in Frankreich nennt, die letzte, süße, spätreife Frucht des Herbstes dieser

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