Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 38,2.1845

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Nr. 37.

HEIDELBERGER

1845.

JAHRBÜCHER DER LITERATUR.

Zur Zigeuner liier alur·

(Schluss.)
Zuerst kommt die Handwahrsagerei — Chiromantie —
oder die Wissenschaft, aus gewissen Linien der Hand die leiblichen und
geistigen Eigenschaften des Inhabers zu bestimmen. Den Ausgangs
punkt (das Hauptprincip} geben die in einem Dreieck zusammenlau-
fenden Linien, welche mit dem Herzen, Gehirn, Kopf, der Leber und
den Genitalien in Verbindung stellen. Man muss daher die Farbe, Rich-
tung und Beschaffenheit der einzelnen Linie und des ihr entsprechenden
Gliedes beobachten und aus der frischen Färbung wie ununterbrochenen
Fortsetzung des sichtbaren Zeichen’s (der Linie} auf den gesunden,
kräftigen Stand des Bezeichneten (des Körpertheils} schliessen. Ist
z. B. die Herzenslinie verhälthissmässig lang und tief, ohne dass sie Ne-
benlinien durchschneiden, so zeugt das unfehlbar für die Gesundheit und
Fülle des Herzens, also auch für Verstand, Thatkraft und Grossmuth im
Handeln. Ist die Herzenslinie tief, dick und schlecht gefärbt, so deutet
sie geringe Einsicht an \ Bleifarbe weiset auf Melancholie, Blässe auf
Jähzorn hin. Die Grundlinie oder Basis des Dreieck’s bezeichnet
durch Breite, Frische und gute Färbung die Gesundheit des Magen’s und
der Leber, in moralischer Rücksicht Frohsinn und Kühnheit u. s. w. Die-
sen Begriff der ächten, katholischen Chiromantie haben nach
Torreblanca (de magia p. 71} die Zigeuner verlassen, indem sie
vergangene und künftige Ereignisse, Kinder, Erbschaften, Gefahren, Ehren
und andere Glücksfälle von den Linien ableiten und in einen wahrhaften
Aberglauben ausschweifen, welchen weder Theologen, noch Rechtsgelehrte
und Aerzte billigen können. Die listige Verfall rungsweise, welche
Hausgeheimnisse und Lieblingswünsche erspähet, Demuth, Stolz, Tanz und
sibyllenartige Zweideutigkeit in Gebärden, Sprüchen. Versen vereinigt, —
XXXVIII. Jahrg. 4. Doppelheft. 37
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