Historisch-Philosophischer Verein <Heidelberg> [Editor]
Neue Heidelberger Jahrbücher — 1.1891

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durch sein Verbot der Laieninvestitur einen fünfzigjährigen Bürgerkrieg
entzündete, der namentlich Italien und Deutschland verwüstet hat.
Diesen Kampf um die Herrschaft besser zu führen, hatte Gregor VII.
seinem Klerus die Ehe untersagt. Erst wenn der Klerus nicht mehr
mit den bürgerlichen Familien versippt und verschwägert, wenn der
Priester keiner der Hoffnungen und Befürchtungen seiner Mitbürger
mehr teilhaftig war, erst dann besass ihn der Papst ganz lind auf alle
Bedingungen. Bei diesen Neuerungen hatte aber die römische Kirche
einen schweren Stand gegen ihre eigene Geistlichkeit. Die lombardischen
Bischöfe standen zum Teil auf Seiten des Kaisers, dem sie ihre Lehen
verdankten und wollten von den masslosen Ansprüchen des römischen
Stuhles nichts wissen. Weil sie gern von den Privilegien ihrer durch
Ambrosius berühmten Kirche redeten, nannte man sie Ambrosianer.
Den Empfang der Pfründe aus weltlicher Hand schalt man Simonie,
da die Empfänger, wie Simon Magus, die Gabe des heiligen Geistes
um Geld zu kaufen pflegten, die verehlichten Priester Nikolaiten, nach
jenen neutestamentlichen Nikolaiten, deren Werke der Apokalyptiker
hasst. Der niedere Klerus war nun aber meist beweibt und wollte, wie
der Pope der orientalischen Kirche, lieber auf ein Vorrücken in höhere
Ämter als auf sein Familienleben verzichten. Da riefen die Vorkämpfer
Roms die fanatische Laienwelt zum Kampfe gegen Ambrosianer, Simo-
nisten und Nikolaiten auf; der Volksbund der Pataria wurde gegründet,
und in gräuelvollen Bürgerkriegen hat die römische Partei dem Willen
des Papstes Gehorsam verschafft. Eine Lauge des Spottes war damals
über die unglückliche Priesterschaft ausgeschüttet worden, die an ihren
Lehensherrn und an ihren Ehefrauen festhalten wollte. Nur ein Klerus,
behaupteten die Agitatoren Roms, der ein wahrhaft apostolisches Leben
führe, sei im Stande, der Gemeinde wirksame und wahre Sakramente
zu spenden. Die Hand, die das Schwert des Pürsten schwinge, dürfe
nicht den Kelch des Herrn ergreifen; nicht solle der, der den Leib der
Gattin umfasse, den Leib Christi in der Hostie berühren. Kein Ekel-
name war den Führern der Pataria zu roh, um die Unheiligkeit und
Unwirksamkeit solcher Sakramente zu bezeichnen. *)

Fünfzig Jahre wütete der Kampf. Einmal war die Kurie so weit
heruntergebracht, dass Paschalis II. im Jahre 1111 auf der Synode von
Sutri sich bereit erklärte, alle weltlichen Lehen zurückzugeben, wenn

1) Yergl. Arnulfi gesta archiep. Mediol Mon. Germ. VIII, 19. Sigeberti Gembl.
Chron. Mon. G. VI, 362.
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