Historisch-Philosophischer Verein <Heidelberg> [Editor]
Neue Heidelberger Jahrbücher — 1.1891

Page: 352
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Festrede

gehalten

bei der Enthüllung des Scheffel-Denkmals zu Heidelberg
am 11. Juli 1891

von

Adolf H a u s r a t li.

Es ist ein Wort der Schrift, dass das Volk müsse wüste werden,
in dem die Weissagung auf hört. Heute dürfen wir wohl dieses Wort
des alttestamentlichen Königs auf unsere Dichter anwenden, denn sie
sind ja die Propheten, denen Gott es verliehen hat, auszusprechen, was
in der Tiefe des Volksgemüts quillt, was hervorbrechen möchte und
nach Ausdruck ringt, und weil sie des Volkes Stimme sind, sind sie
auch Gottes Stimme. — Ja er hatte recht, der Sänger des alten Bun-
des: wüste und wild müsste ein Volk werden, in dem nur noch der
Lärm der Waffen und der Lärm der Eisenhämmer laut würde, die
heiligsten und innersten Regungen der Volksseele aber nicht mehr zum
Ausdrucke kämen. — Wir leben in einem ehernen Zeitalter; eine Saat
von Kriegerdenkmalen sprosst rings um uns aus der Erde, wohl uns dass
da unter den Helden, die unser deutsches Wesen schützten und schirm-
ten, auch der Säuger nicht fehlt, der dieses deutsche Wesen nähren,
kräftigen und adeln half! Glücklich das Land, das neben das Bild des
Kriegers auch das freundlichere Bild des Dichters zu stellen hat, doppelt
glücklich unsere Heimat, der es vergönnt war, dem Vaterlande diesen
Dichter zu schenken! — Zweimal im Laufe eines Jahrhunderts hat der
liederreiche Mund unserer Heimath das Ohr der Nation gefesselt. Die-
selbe Stadt, in der Joh. Peter Hebel wirkte und dichtete, hat dem
Vaterlande auch Joseph Victor von Scheffel geschenkt, und es
ist dieselbe unverfälschte treuherzige Volksseele, die in Hebels alaman-
nischen Gedichten und aus Scheffels Erzählungen zu uns redet, der
gleiche mutterwitzige Humor, der Hebels Schatzkästlein und Scheffels
heitere Lieder würzt.
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