Historisch-Philosophischer Verein <Heidelberg> [Editor]
Neue Heidelberger Jahrbücher — 2.1892

Page: 190
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Zeit und Zeitrechnung.*)

Vortrag, gehalten im historisch-philosophischen Vereine zu Heidelberg
am Donnerstag, den 3. Dezember 1891

von

Moritz Cantor.

Was ist Zeit? Ist sie ein Reales, ein wirklich Vorhandenes, von
dessen Dasein man keinen Beweis zu liefern braucht, weil jeder Mensch
die Zeit erlebt, d. h. an sich selbst empfindet, oder ist sie nur ein Ideales,
eine Denkform, welche jedem Menschen gegeben ist, und weil sie von
ihm nicht entbehrt werden kann, für ein Gegenständliches gehalten wird?
Wir bekennen, auf diese Frage eine Antwort nicht erteilen zu können.
Wir gehen aber weiter, wir erklären, uns als Geschichtsforscher um die
Beantwortung nicht zu kümmern. Nicht was Zeit ist, wollen wir philo-
sophisch ergründen, nur wfie man die Zeit abzugrenzen sich gewöhnt hat,
wollen wir zu erzählen versuchen, denn darüber kann ein Zweifel nicht
bestehen, dass immer und überall das Menschengeschlecht die Notwendig-
keit einer solchen Abgrenzung erkannte und ihr Rechnung zu tragen sich
bemühte.

Das war eine an sich keineswegs leichte Aufgabe für den Menschen.
In dem Raume lassen bleibende Grenzen sich abstecken. Diesseits und
jenseits derselben sind Raumteile vorhanden, deren Geschiedensein den
Sinnen sich aufdrängt, nicht so bei der Zeit. Ein ewig Bewegliches, ein
fortwährend im Flusse Begriffenes, gestattet sie keine bleibend dem Auge
wahrnehmbare Scheidung. Nur im Gedächtnisse kommt ein Vor oder

*) Das Material zu dieser Zusammenstellung stammt teils aus dem I. Bande
der Vorlesungen über Geschichte der Mathematik des Verfassers, teils aus Abhand-
lungen von F. Kaltenbrunn er in den Sitzungsber. der Wiener Akad. Phil-histor.
Klasse LXXXI1, 289—414 und LXXXVII, 485—58(1 und von F. Sticve in den
Abhandl. der Baier. Akad. Ilistor. Klasse XV, 3. Abtlg., 3—98.
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