Hilgert, Markus [Hrsg.]; Universitäts-Gesellschaft <Heidelberg> [Hrsg.]
Heidelberger Jahrbücher: Menschen-Bilder: Darstellungen des Humanen in der Wissenschaft — Berlin , Heidelberg, 54.2010 (2012)

Seite: 351
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Kapitel 22

Wissenschaft des Judentums 1819-1933 -
Wissenschaft, Selbstbild und Trugbilder

Johannes Heil

In den Jahren 1833/34 malte Moritz Daniel Oppenheim „Die Heimkehr des Frei-
willigen aus den Befreiungskriegen zu den nach alter Sitte lebenden Seinen". Der
Titel klang wohl auch damals umständlich, aber er lieferte dem zeitgenössischen
Betrachter die komplexe Geschichte und ihre Deutung gleich mit.1 Heute sollte man
hinzufügen, dass es sich in der Szene um einen jüdischen Freiwilligen handelte, der
im Besitz des gerade erworbenen Bürgerrechts am Krieg gegen Napoleon teilge-
nommen hatte und sich nun den kritischen Blicken seiner Eltern aussetzte, während
seine Schwester zwischen den beiden Welten, die sichtbar aufeinanderprallen, zu
vermitteln versucht (Abb. 1).

Oppenheim hat mit seinem Gemälde, das das biedere Format des Genregemäl-
des vermittels kritischer Selbstreflexion unterlief, gleich zwei Konfliktkreise seiner
Zeit ausgedrückt: Da ist einmal die Rücknahme der bürgerlichen Gleichstellung der
Juden infolge des Wiener Kongresses. Der jüdische Freiwillige war der kurzlebige
Typ einer hoffnungsfrohen Vergangenheit, die in den Jahren des Vormärz weiter
entrückt schien denn je. Und was hier als familiärer Konflikt um das Verhältnis von
Tradition und Reform in Szene gesetzt wurde, setzte sich in jenen Jahren trotz oder
gerade wegen der erlebten politisch-gesellschaftlichen Zurücksetzung im Innern
der Gemeinschaft ungemindert fort.

Oppenheim, im Jahr 1800 geboren, entstammte einer observanten Hanauer
Familie und erlernte nach ersten Anfängen in Hanau die Malerei mit Stationen in
München und Paris sowie schließlich in Rom, wo er im Kreis der romantisch-ka-
tholischen Nazarener um Friedrich Overbeck wichtige künstlerische Impulse erfuhr
und als Jude zugleich einen ausgesprochen ambivalenten Stand hatte. Die Bevor-
zugung religiöser Themen in den römischen Jahren ist daher als Akt der Selbstbe-

1 Öl auf Leinwand, 86.4 x 94 cm, The Jewish Museum, New York; vgl. Maurice Berger et al.,
Masterworks of the Jewish Museum, New York 2004, S. 42 f.

J. Heil (El)

Erster Prorektor Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg,
Landfriedstr. 12, 69117 Heidelberg, Deutschland
E-Mail: johannes.heil@hfjs.eu

M. Hilgert, M. Wink (Hrsg.), Menschen-Bilder,

DOI 10.1007/978-3-642-16361-6_22, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2012

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