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Imago: Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften — 4.1916

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https://doi.org/10.11588/diglit.42097#0019

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Zeitgemäßes über Krieg und Tod

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erzeugen können, und darum braudien wir nicht allen jenen, die sieb
gegenwärtig unkulturell benehmen, die Kultureignung abzusprechen,
und dürfen erwarten, daß sich ihre Trieb Veredlung in ruhigeren
Zeiten wieder herstellen wird.
Vielleicht hat uns aber ein anderes Symptom bei unseren
Weltmitbürgern nicht weniger überrascht und geschreckt als das so
schmerzlidi empfundene Herabsinken von ihrer ethischen Höhe. Ich
meine die Einsichtslosigkeit, die sich bei den besten Köpfen zeigt,
ihre Verstodetheit, Unzugänglichkeit gegen die eindringlichsten Argu^
mente, ihre kritiklose Leichtgläubigkeit für die anfechtbarsten Be-
hauptungen, Dies ergibt freilich ein trauriges Bild, und ich will aus^
drücklich betonen, daß ich keineswegs als verblendeter Parteigänger
alle intellektuelle Verfehlungen nur auf einer der beiden Seiten
finde. Allein diese Erscheinung ist noch leichter zu erklären und weit
weniger bedenklich als die vorhin gewürdigte. Menschenkenner und
Philosophen haben uns längst belehrt, daß wir Unrecht daran tun,
unsere Intelligenz als selbständige Macht zu schätzen und ihre Ab^
hängigkeit vom Gefühlsleben zu übersehen. LInser Intellekt könne
nur verläßlich arbeiten, wenn er den Einwirkungen starker Gefühls^
regungen entrüdct sei,- im gegenteiligen Falle benehme er sich ein-
fach wie ein Instrument zu Händen eines Willens und liefere das
Resultat, das ihm von diesem aufgetragen sei. Logische Argumente
seien also ohnmächtig gegen affektive Interessen, und darum sei das
Streiten mit Gründen, die nach Falstaffs Wort so gemein sind
wie Brombeeren, in der Welt der Interessen so unfruchtbar. Die
psychoanalytische Erfahrung hat diese Behauptung womöglich noch
unterstrichen. Sie kann alle Tage zeigen, daß sich die scharfsinnigsten
Menschen plötzlich einsichtslos wie Schwachsinnige benehmen, sobald
die verlangte Einsicht einem Gefühlswiderstand bei ihnen begegnet,
aber auch alles Verständnis wieder erlangen, wenn dieser Wider-
stand überwunden ist. Die logische Verblendung, die dieser Krieg
oft gerade bei den besten unserer Mitbürger hervorgezaubert hat,
ist also ein sekundäres Phänomen, eine Folge der Gefühlserregung,
und hoffentlich dazu bestimmt, mit ihr zu verschwinden.
Wenn wir solcher Art unsere uns entfremdeten Mitbürger
wieder verstehen, werden wir die Enttäuschung, die uns die Groß-
individuen der Menschheit, die Völker, bereitet haben, um vieles
leichter ertragen, denn an diese dürfen wir nur weit bescheidenere
Ansprüche stellen. Dieselben wiederholen vielleicht die Entwicklung
der Individuen und treten uns heute noch auf sehr primitiven Stufen
der Organisation, der Bildung höherer Einheiten, entgegen. Dem
entsprechend ist das erziehliche Moment des äußeren Zwanges zur
Sittlichkeit, welches wir beim Einzelnen so wirksam fanden, bei ihnen
noch kaum nachweisbar. Wir hatten zwar gehofft, daß die groß-
artige, durch Verkehr und Produktion hergestellte Interessengemein-
schaft den Anfang eines solchen Zwanges ergeben werde, allein es
scheint, die Völker gehorchen ihren Leidenschaften derzeit weit mehr
 
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