Kemp, Wolfgang; Heck, Kilian [Hrsg.]
Kemp-Reader: ausgewählte Schriften — München , Berlin: Dt. Kunstverl., 2006

Seite: 175
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Praktische Bildbeschreibung
Uber Bilder in Bildern, besonders bei Van Eyck und Mantegna

Mein Beitrag, beschäftigt sich nicht mit der Übersetzung von Kunstwerken in Sprache.
Mit Gewinn läßt sich dieses Thema für die nachantike Zeit nur traktieren, wenn man mit
der italienischen Renaissance anfängt.' Bevor aber deren Poetik und Literatur der Ekphra-
sis wieder eine schulgerechte und anspruchsvolle Form geben, taucht ein merkwürdiges
Phänomen auf: Die ersten Beschreibungen von Kunstwerken, die diesen Namen verdie-
nen, finden wir in der Kunst selber, in einer Malerei, die als »art of describing« (Svetlana
Alpers) einschlägig vorbelastet ist - ich meine die niederländische Malerei des frühen
15. Jahrhunderts. Dieser Aufsatz erfüllt seinen Zweck, wenn ich klarmachen kann, daß
Maler, wenn sie Bilder in Bildern beschreiben, mehr tun als dasselbe zweimal und daß
ihre »Bildbeschreibungen« ebenso grundsätzliche Übersetzungsprobleme aufgeben, wie
sie beim Übergang von einem Medium in ein anderes entstehen.
Daß Bilder in Bildern untergebracht werden können, ist nur eine der vielen Errungen-
schaften der altniederländischen Malerei. Ein bekanntes frühes Beispiel ist etwa die Januar-
Miniatur derTres Riehes Heures, wo Tapisserien mit Schlachtenszenen an den Wänden des
Festsaals aufgehängt sind; sie erzählen die üblichen Rittergeschichten, aber sie funktionie-
ren nicht eigentlich als zweites Register, sprich als zusätzliche Argumentationsebene, son-
dern nur als angemessene Ausstattung eines höfischen Ambientes. Für die schwierigere
Invention des wirklich integrierten und interaktiven Bildes im Bild müssen wir wohl Jan
van Eyck haftbar machen und müssen gleich hinzufügen: Nicht nur die überlegene Durch-
dringung, auch die kongeniale Anverwandlung und Rezeption des Verfahrens durch andere
Künstler überrascht. Die Tafel mit dem »Verlöbnis der Maria« (Prado) (Abb. 1) des Meisters
von Flemalle1 2 steht ebenbürtig neben kapitalen Werkbeispielen wie etwa der Washingtoner
Verkündigung des Jan van Eyck3 (Abb. 2-3), ist wahrscheinlich früher als diese, was aber
nicht verallgemeinert werden darf: Van Eyck tritt mit einschlägigen Werken schon früher

1 Zur ekphrastischen Bildbeschreibung in der Antike s. P. Friedländer, Johannes von Gaza, Paulus Silentiarius
und Prokopios von Gaza — Kunstbeschreibung justinianischer Zeit, Reprint Hildesheim 1969 (zuerst 1912);
J. M. Blanchard, »The Eye of the Beholder: On the Semiotic Status of Paranarratives«, in: Semiotica 22,
1978, S. 235 ff.; im Mittelalter V. A. Kolve, Chaucer and the Imagery of Narrative, London 1984, S. 4iff.
2 Zum Prado-Bild des Meisters von Flemalle und einer ikonographischen Lektüre s. G. Smith »The Betrothal
of the Virgin by the Master of Flemalle«, in: Pantheon 30,1972, S. 115 ff., s. auch C. Sterling, »Observations
or Mosers Tiefenbronn Altarpiece«, in: Pantheon 30,1972, S. 19 ff.
3 Um die Ikonographie der Washingtoner Verkündigung haben sich nach Panofsky vor allem verdient ge-
macht: J. L. Ward, »Hidden Symbolism in Jan van Eycks Annunciations«, in: The Art Bulletin yy, 1975,
S. 196 ff; C. J. Purtle, The Marian Paintings ofjan van Eyck, Princeton 1982, S. 50 ff.
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