Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 19.1866

Page: 100
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kla1866/0100
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
AOO

98

ffig Ballvdc vom vcrlomicn Mld miedergefuiidciicil König.


l^s sah einmal auf einem Thron ein König, wundermild.
'Er war, mit Muth und Kraft begabt, der Jugendschönheit Bild.
Hatt' einen fremden Spielmann, dem war er gar lieb und bold;
Speist' ihn mit Silbersischen nur und Marcipan von Gold.
Drob schwoll der Eingeboren Neid; eS blitzt' manch Zorneswort,
Die finstern Räthe riethen ihm: »Thu' deinen Spielmann fort!" —
Er that es, Weh im Herzen, auf den Lippen einen Fluch.
So thut cs kund von selbem Land das güldne Heldenbuch.
Der König saß auf seiner Burg gar traurig und allein:
Er las der Nibelungen Noth und die Verfassung sein,
Ging auch ins Schauspiel dann und wann und lacht im Staberl mit;
Doch alles das ersetzte ihm den theuren Spielmann nit.
Und als der Frühling kam ins Land, zog mit dem lauen West
Der junge König flugs davon aus Munich heim', dem Nest.
Er badet in des Lenzes Duft zu Rosen ha in am See;
Da saßt nach seinem Spielemann ihn Sehnsucht mehr denn je.
Und zu den: treuen Reitknecht spricht er eines Abends baß:
„So richte morgen Zwieback her und Moselwein ein Faß.
Wir wollen reiten! Doch wohin, verräthst du Keinem nicht!" —
Der treue Reitknecht macht ein gar dummpfisfiges Gesicht.
Des andern TageS kocht der Koch, der Schänke schänkt den Wein.
Der Page harrt des Dienstes; docb noch steht der Tisch allein.
Schon schlägt die Schloß-Ubr Fünf — dann Sechs — und Sieben
schlägt's und Acht;
Doch keine Stunde bringt zurück den Herrn und seinen Knacht.
Am nächsten Morgen fuhren vor in Stern und Ordensglanz
Ter hochberühmte Auswärtömann, der Sorger der Finanz,
Des Innern Pfleger und daö Haupt von Reisigen und Roß —
Sie alle fuhren, Rathes baar, vor bei des Königs Schloß.

Da ward den Käthen kund gethan die schaudervolle Mär'.
Daß annunniehr den zweiten Tag kein Fürst zu sehen war'.
Da rauften sie sick' allesammt in Trauer ihren Bart
Und klappten Zähn' und heuleten manch Wort gar schlimmer Art.
»Das wilde Volk Borussia'S steht da gewappnet! Web!
Die grimmen Krieger Austria'S sind schon in unsrer Näh'!
Bald bricht der Tag der Kammer an — wie kann sie tagen so? —
Wir ha'n ja keinen König nicht! Wir sind verloren! O!"
Des ganzen Landes Schmerzensschrei dringt zu des Himmels Thron.
Die Kirchenglocken wimmern laut um den verlornen Sobn;
Im Gram verschmäht der Unterthan, ach! Speise, Trank und Schlaf,
Die Füße läuft sich wund und lahm der arme Telegraf!
Der junge König sitzt derweil im Bären zu Luzern.
Als er das Schrein vernimmt, schreibt er zurück: »Ihr lieben Herrn!
Wozu der Lärm? Jndeß daheim Ihr Euch abstrapazirt,
Hab' ich zur Lust ein wenig nur hier — zukunstSmusicirt.
Laßt mir nur mein Vergnügen noch für beut; denn morgen schon
Kehr' wieder ich zu Euch zurück, regier und rede Thron.
Es grüßt mein lieber Spielmann hier von Herzen Euch. Ihr Herrn!
Also gegeben und geschehn im Bären zu Luzern."
Da schattet lauter Jubel ringS im Lande fern und nah:
„Gefunden, der verloren war! Der Fürst ist wieder da!"
Und Fried' und Freude kehrt zurück in Kirche, Schul' und Haus;
Der Hofbräu schänkt an diesem Tag wohl dreißig Fäffer aus.
Also berichtet treu und wahr uns die Historia,
Daß es geschehn in diesem Jahr im Land Bavoria.
Das ist vom jungen Könige daö Lied, der seinem Land
Verloren ging, und den nachher man glücklich wiedersand.
kladderadatsch.

k^^Heuilleton.


Verschallende große.

Wie scheint mir so bedauerlich
Der heut'gen Zeit Gestaltung,
Betracht' ich mir rundschauerlich
Der Gutgesinnten Haltung!
St. Gerl ach, einst der Schutzpatron
Der „Mächt'gen aber Kleinen" —
Jetzt beißen ihn die Hunde schon
Der Norddeutschen Allgemeinen.
Bei Gott! mir wird daö Auge naß,
Wenn ich dergleichen lese;
Schon stellt ihn der geniale Braß
In eine Reihe mit Frese!
Es mehrt sich die Verehrerzahl
Des Preußischen Annexanders;
Im Grabe dreht sich um St. Stahl,
Doch wird dadurch nichts anders.
St. Gerlach, ach! man gibt dir daö
(^0n8ilium abeunäl;
Geschrieben ist dein Reisepaß.
Sie trsusit gloria mundi!

(C-tftcr Äront. Was sagst. Franju. zu Benedek Corpsbesehl seinigeS?
Zweiter Kroat. Soll halten heilig Eigenthum in Feindes Land!
Drittcr Aroat. Wenn Eigenthum jeiniges werde genommen haben, werde
heilig halten meinigeS.
Erster und zweiter Kroat. Bravo!

«für das berliner «frembenßtatt.

•40*

Aus ganz verbürgter Quelle geht unS so eben die Nachricht zu, daß mehrere
hochadelige Damen um die Gnade gebeten haben, ein freiwilliges Amazonen-
Eorps auf eigene Kosten bilden zu dürfen. Tie Eintretenden verpflichten sich,
für die Dauer deö Krieges auf Theater, Ballet und Crinoline zu verzichten.
Tie Gräfin v. H. hat dem edlen Zwecke zu Liebe beschlossen, daö Beispiel jener
edlen Jungfrau aus den Freiheitskriegen nachzuahmen, und hat, da sie leider
nicht im Besitz starken Haarwuchses, ihre sämmtlichen Ehignons und kostbaren
Locken auf den Altar des Vaterlandes niedergelegt. Ihrem Beispiel sollen
noch andere hochgestellte Damen zu folgen im Begriff sieben. Daö Zustande-
kommen des CorpS dürfte somit alö gesichert zu betrachten sein.
Neueste Nachricht! Sämmtliche Berliner Köchinnen haben um die Gnade
gebeten, ein Dragoner-Corps aus Kosten ihrer Herrschaften bilden zu dürfen.
Allerneueste Nachricht! So eben inelden sich aus dem Kriegsininisterium
zwanzig Söbne aus den ältesten Adelsgejchlechtern der Monarchie, mit der
Bitte um die Erlaubnis;, in die von Garibaldi befehligten Freiscbaaren-
Legionen eintreten zu dürfen. Die Bitte soll bereitwilligst gewährt worden sein.

3 o ii a 8
erhielt den Besebl, der Hauptstadt den bevorsiebenden Untergang zu verkünden,
weigerte sich dessen, sck'iffte sich zu Joppe ein, lüelt sich drei Tage und drei
Nächte bei uns auf, und verließ das Local, allerdings ohne sich mit einer guittirtcn
Rechnung zu beschweren. Ties der wahre T halbe stand. Von -100,000
Thalern unbezahlter Schulden, von denen die Zeitungen fabeln, ist hier nichts
bekannt geworden.
Der Oberkellner im „Wallfisch'

i"
loading ...