Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 19.1866

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Ar. 55.

Berlin, den 2. December 1866.

XIX. Jahrgang.



Wachen-Sprüche.
Montag, den 3. December.
Zwei Seelen wohnen in jeder Brust;
Und bist du nur einer dir bewußt —
'S ist docd nicht ander».
Dienstag, den 4. December.
Die eine zieht dich empor zum Licht.
Die andre ist'S, die zu dir spricht:
Slur keine Schwärmerei!
Mittwoch, den 5. December.
Die eine treibt dich sonder Ruh',
Die andre aber ruft dir zu:
Halt, mein Jung'!


Wachen-Sprüche.
Donnerstag, den 6. December.
Die eine für Freiheit kämpft und wagt.
Der andern nur der Genuß behagt —
Und sonst noch was.
Freitag, den 7. December.
Die eine als GeniuS ist bekannt.
Die andre Dämon ward genannt —
Schon bei den alten Griechen.
Sonnabend, den 8. December.
Trotz alledem auch hat darum
Zwei Seelen ein Ministerium —
Und was für welche! yuod erat demon-
strandum.
Kladderadatsch.

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„Äiis nach Nom! Der Adler spanne
Seine Send aus zum Fluge,
Frankreichs Fahne aus der Tanne
Hißt zum kühnen Römerzuge!"
Also sprach zum Admirale
SIE, die fromm und schön wieWen'ge,
In der Jugend gold'gem Strahle,
Frankreichs Kaiserin Enge nie.
„Aus nach Rom! Tenn wilde Fluten
Seh' ich Petri Schiff erfassen,
lind der Frommen Herzen bluten,
Und die Ruderleut' erblassen —
Und am Steuer sitzt ein kranker
Greis, unfähig es zu lenken;
Ich, ich will den Rettungsanker
In die wilden Fluten senken.

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Aus nach Rom! Des Hasses Flammen
Seh' des Greisen Brust ich quälen.
Ich, ich säge tränt zusammen
Sie, die lang getrennten Seelen!
Will mit süßer Stimme Tönen
Mich zu seinen Füßen wälzen,
Bis die Feinde sich versöhnen,
Bis die starren Herzen schmelzen!" —
Und der „Adler" spannt den Fittig;
Mit der schönsten Last beladen.
Führt die Fürstin, hold und sitlig,
Er zu Latiums Gestaden.
Und in härenem Gewände,
Und entblößt die zarten Füße,
Wandelt sie am Tiberstrande,
Daß den Bater sie begrüße.

Rutscht des Baticanes Stufe
Ans den Knie',, empor mit Beben;
Seufzer nur, nicht Schmerzensruse,
Der gepreßten Brust entschweben.
Durch die Reih' der Cardinäle —
Welche reizende Sorella! —
Rutscht sie fort durch Flur und Säle,
Bis zu Petri goldner Sella.
Und gebeugt am heil'gen Throne,
Fleht sie: „Laß dein Herz bezwingen!
Was der Kirche ält'stem Sohne
Nicht gelang — mir wird'S gelingen.
Nimm den Fluch von Feindes Haupte
Und vergib ihm Sünd' und Fehle,
Söhn' dich — was er dir auch raubte —
Aus mit Viktor' Emanuele!"

Doch es spricht der Greis mit Würde:
Weib, ich schenk' dir meinen Segen!"
Bald zwar werd' ich meine Bürde
In den Schoß der Grde legen —

Hassen werd' ich doch hienieden
Ewig die Piemontesia.
Darum ziehe heim in Frieden —
Mulier taceat in ecclesia!"

Kladderadatsch,

auft

in Berlin-
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