Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 49.1896

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Mo» der Hewerke-Ansstekkung.

Der Arbeitsausschuß hat wieder einige Anordnungen getroffen, die
den Beifall aller Verständigen finden werden. Er hat bestimmt, daß die
Kellner, die zum größeren Theil erst Nachmittags nach 4 Uhr zu thun
bekommen, der Ordnung wegen schon um 10 Uhr Morgen» pünktlich an-
zutreten haben. Ferner hat er angeordnet, daß jeder Aussteller nur für
einen Aufseher eine Freikarte erhält. Leider haben viele Blätter, die den
Leitern der Ausstellung den wohlverdienten Nahm nicht gönnen, über beide
Maßregeln nichts berichtet.

Bei dieser Gelegenheit wollen wir den vcrehrlichcn Arbeitsausschuß
darauf aufmerksam machen, daß noch immer grober Unfug mit den Frei-
karten getrieben wird. Bezahlen die Mannschafte» der Feuerwehr etwas,
die doch von ihren Stationen aus einen hübschen Theil der Ausstellung
überblicken können? Zahlen etwa die Schutzleute und Criminalbcamten
Entree, die aus ihren Patronillengänge» jeden Winkel zu sehen bekommen?
Wie kann man die gewaltigen Kosten zu decken hoffen, wenn man in einer
so sündhaften Weise mit Freikarten um sich wirft!

Schkaffheit der Aegiermng.

Im Kreise Jarotschin hat ein katholischer Lehrer deutscher Nationalität
seine Kinder das Schulgebet in deutscher Sprache sprechen lassen, während
der polnische Propst als Schulinspector anwesend war. Die Negierung hat
zwar sogleich cingegriffen, aber was hat sie mit dem frechen Schulmeister
gemacht? Sie hat ihn auf eine andere Stelle versetzt!

Konnte der widerspenstige Bursch nicht im Wege des Disciplinar-
verfahren» wegen frecher Verhöhnung eines Vorgesetzten aus dem Amte
gestoßen werden? Konnte der Staatsanwalt nicht veranlaßt werden, eine
Klage wegen groben Unfugs gegen ihn zu erheben, die ihm sicherlich das
Strafmaximum von 6 Wochen Hast eingebracht hätte? Es ist zu bedauern,
daß die zunehmende Schlaffheit der Negierung unbotmäßigen Elementen
gegenüber auch bei den Gutgesinnten immer lauteres Murren erregt.

Die Wacht der Erziehung.

ckrei nach der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung".

Ein empfindlicher Mangel macht sich den Besitzern der „Ideal-Hefte"
bemerklich Sic können zwar die Gewerbeausstcllnng und eine ganze Reihe
von Vergnügungsstätten besuchen, aber eine Eintrittskarte für den Reichstag
fehlt Welch hohen Begriff würde der Provinzbcwohncr von der Vertretung
des deutschen Volkes im Reichstage bekomme», wenn er dort das Ideal
seiner Vertretung in Gestalt von 20, !. B. zwanzig, Abgeordneten anträfe!
Die übrige» Mitglieder deS hohen Hauses, die in Berlin anwesend sind,
findet er freilich draußen in der Gewerbe-Ausstellung, aber Iver kann sie
sich dort in de» verschiedenen Localen znsammcnsuchcn! Hoffentlich holt die
„Ideal-Gesellschaft" bald das Versäumte nach.

Man ist übrigens in ReichstagSkreisen dem Gedanken näher getreten,
eine Zeitung für die abwesenden Mitglieder hcrauszugeben. Sie wird den
Titel „Der Faulpelz" führen, kostenlos versandt werden und eine gedrängte
Ucbersicht der Vorgänge im Gebäude am Königsplatz enthalten. Als ver-
antwortlicher Rcdacteur wird Herr Ne. Sigl zeichnen, der cs fertig be-
kommen hat, auf die Zuckcrsteucr fortgesetzt zu schimpfen und bei der
Schlußabstimmung über das Gesetz zu fehlen.

„Man muß sich in Geduld fügen", sagt Nr. Friedmann bei seiner
Heimkehr auf dem Bahnhof. Ob er sich diesen schönen Spruch wohl von
seinen Gläubigem angenommen hat?

Finanzminister Freiherr v. Riedel hat in dem bayerischen Landtage
gesagt: „Die Landwirthschaft hat kein Recht, ein Geschenk aus Kosten
anderer Staatsangehörigen zu erhalten". Könnten die Bayem unS ihren
Finanzministcr nicht auf zehn Jahre leihen?

Sie Dreuhen ohne Palm und Nr.

Kein Wunder, daß die Franzosen für die Moskauer Krönungsfcier sich
so sehr begeisterten Sie sind früher einmal in Moskau recht lvarm
empfangen worden.

Der Tag des Sturmes auf die Bastille soll hinfort in Frankreich nicht
mehr ein Feiertag sein. Man will statt seiner alljährlich den Krönungstag
des mssischen Selbstherrschers fcicm. Der Zar soll seine Genehmigung
bereits allergnädigst in den huldvollsten Ausdrücken crthcilt haben.

- Das Organ des Bundes der Landwirthe, die „Deutsche Tageszeitung",
schließt die Rechnung des Jahres 1895 mit einem Deficit von 150 190 M.
ab. Das ist wieder ein sprechender Beweis für die Nothlagc der Land-
wirthschaft; die amien Gutsbesitzer können eben den Abonncinentspreis
für das Blatt nicht mehr abstoße». Ist es da nicht billig, daß der Staat
eintritt und das Deficit deckt? Wie denkt der preußische Finanzminister
darüber? Der Landtag arbeitet noch in Berlin; noch wäre cS Zeit, ihm
eine geeignete Vorlage zu machen.

Der „Hannoversche Courier" sagt am Schluffe seines Artikels „Succes-
sionSfragen und Kleinstaaterei" (Nr. 20127): „Die Ilnebcnbürtigkeit gehört
zu den vorsündfluthlichen Ideen, an die niemand mehr glaubt und deren
Conservirilng nur den zersetzenden und unserer Staats- und Gesellschafts-
ordnung feindlichen Elementen eine recht brauchbare Waffe liefert." Ist
die Idee besser, welche dem Offizier nicht gestattet, eine Schneiderin zu
heirathen, selbst wenn sie die Tochter eines Generals ist, oder die andere,
welche bei der Besetzung der höchsten Staatsämter dem Sohn des Junkers
dm" Vorzug zu geben lehrt?

Was cs ausmacht, ob jemand in einem vornehmen oder in einem
geringen Hause aufgewachsen ist, wird in bürgerlichen Kreisen gewöhnlich
unterschätzt. Greifen wir als Beispiele aus dem Lebe» zwei junge Leute,
die beide vor dem Assessorexamcn stehen!

Da haben wir Gotthilf Müller! Was für banausische Namen sind das
schon! Sein Vater ist ein kleiner Gclvcrbtreibcndcr, der sich mit Mühe das Geld
abgcspart hat, um den Sohn studiren zu lassen. Dem entspricht die Verwandt-
schaft. Ein Onkel ist Gelbgießer, ein anderer Schornsteinfeger. Eine verstorbene
Tante soll Kochfrau gewesen sein. Wirkliche Vorfahren sind nicht vorhanden.
Der Großvater war Gemüsegärtner, und mit ihm hört schon die Familien-
geschichte nach oben hin auf. Von Gotthilfs Urgroßvater weiß man
nichts mehr, es ist daher möglich, daß er Wucherer gewesen ist. Gotthilf
selbst >var auf der Schule fleißig, tvas begabte Menschen fast nie sind. Aus
der Universität versäumte er selten ein Colleg, wodurch allein schon seine
spießbürgerliche Beschränktheit sich kund gibt. Seines niedrigen Wechsels
wegen trat er in kein Corps, und sein Gesicht behielt daher eine
fatale Glätte. Er spielt kein Hazard, er wird still, wenn die Rede aus
Weiber und Pferde kommt, er hat — hombile dietu — keine Schulden.
So ist er für seinen Beruf eigentlich ganz verdorben. Man rühmt seinen
Fleiß, seinen Verstand, sein Wissen, seinen tugendhaften Lebenswandel, sein
gutes Herz. Alles ganz schön, aber das sind doch nicht Dinge, mit denen
man etwas erreichen, durch die man cs zu Orden und Titeln bringen
kann. Als Grünkramhändlcr würde er es vielleicht mit seiner Biederkeit
weit bringen; daß er im Staatsdienst irgend etwas leisten könne, halten
wir für vollkommen ausgeschlossen.

Sehe» wir uns dagegen Kurt von Großenschnauz an! Schon
der Name berührt angenehm durch seine Schneidigkeit. Auch seine Mutter,
eine geborene v. d. Lerche, gehört dem ältesten Adel an. Die v. Großcn-
schnauz spielen schon im frühen Mittelalter eine rühmliche Rolle.
Sieben dieses Namens zierten den Galgen, weil sic angeblich zu
scharf mit reisenden Kauflcuten abgerechnet hatten. Kurt selbst
ist in allem das Gegcntheil des armen Gotthilf. Ein geborener
Lebemann widmete er sich von Jugend auf allen noblen Passionen, während
er auf das Lernen, das den Menschen eingebildet und beschränkt macht, nur
wenig Werth legte. Zahlreiche Narben, die sein Antlitz durchqueren, über-
zeuge» auch den Laien davon, daß er mit Erfolg die Hochschule besucht hat.
Er hat mehr Schulden als Haare auf dem Kops, was jedoch nicht viel
sagen will, da die Zahl seiner Kopfhaare in den letzten Jahren stark ab-
gcnommen hat. Nach rasch verlebter Jugend steht er jetzt vor einer
glänzenden Carriäre. Er ist, mit einem Wort, ein Mann, dem unsere
höheren Behörden, die zum Glück ein Verständniß für den wahren Werth
des Menschen haben, ihr vollstes Vertrauen schenken können.
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