Zentral-Dombauverein <Köln> [Editor]
Kölner Domblatt: amtliche Mittheilungen des Central-Dombau-Vereins — 1855 (Nr. 119-130)

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an die deulsche Ratnr flch iadeffev ia demselbeo auch finderr mögeu, f»
gewiß hat daS ferve Lfiea aach seinen Lheil aa dieser Knnstform, »nd
daria kiegt eine allgemeingältige, weltumfaffeude Bedeutung derselden;
fie ist eia Bild deS Christenthum», daS ja auch für alle Bölker «nd alle
Seitea gilt. Beim Eiiitritt in die hohea Hallen des kölner Domcs wird
dem Beschauer eher das Bild des tropischea PalmenwaldeS vor die Seele
treten, als daS des deutschen Eicheoforstes. Mag der uns von den Ara-
dera gebracht« SpiHdogen auf geometrische Verhältuisse ;uruckführbar
sein, er hat seinen Urspruug in dem feruen Osten, uud wohl in Jndien.
Die Araber. welche der Welthaudel biS in die Südsee, wo ihr Lypus
noch jeht in der edlen Bilduug eiuiger Malayen-Geschlechter erkannt
wird, uur> bis an bie Lüsten vvu Japan geführt hat, brachten der euro-
päischea Bilduug eiue fremde Bauweise mit, die nuu mit den vorhande-
uen Fvrmen zu eiuem Ganzeu zusammeuwuchs.

„Die Baukuust, wie sie aus in den deutfchen Domen entgegentritt,
zeigt sich noch darin als eine dcr höchsten Äunstschöpfungcn. daß ihre
leichten Formcu die Schwere des Stoffes ganz überwunden habe» und
dcr lastende Stein eine aufwärls strebeude Bewegung ausdrückt. Luch
iu diesem Sinne ist sie vrganisch Da ist Llles lebeudig gewordcn, die
Palmeuschafte der Säulen, das Laudwerk der Eapitäler. der Gesimse und
Hohlkehlen, der Giebel und Lhürmchen; Fülluugen und Gliederungen
lassen jede Mauerwaud verschwinden. Alles knospct und sproßt, und
symbolisch «achsen tie steiuerne» SpiHen in die Form des «rcuzes aus.
Deu gauzeu Leutscheu Wald fiuden wir in den Blättcrn und Blüthen
des reichen kaubwerks wieder; die Eiche, die Castanie, und den Ahoru.
Weisdorn, und MarienListel, Bäreuklau und Anemone, Erdbeere und
Schwertlilie, auch Hopfen und Weiurebe. AüeS ist, wie der treffliche
Bvisferee sagt, dem Geist unt Weseu nach gauz der lebendigcn Pflan-
zennatur nachgebildet. Auch an Lhieren fehlt es nicht. an Löweu und
Wölfeu, Hunden, Steiuböcken, Lffeu und andcrcn adenteucrlichen Ge-
stalten, doch sind sie wie böse Geister aus dem Heiligthume hinausge-
wicsen uud grinsen uns an als Wasserspcier an Len Gcsimsen. Es
spricht sich ein rciueres und tieferes Naturgefühl der germanischen Völker
iu dieser verstäncigen und maßvollen Benutzung von Lhier- und Pflanzcn-
Gestalteu für die Baukunst aus, während bei den Völkern des sudlichcn
Asiens eine ungezügelte Phantasie sich in Ler willkürlichsten Zusammen-
hä'ufaug jener rieseuhaften Fvrmeu einer gestaltreicheren und üppigeren
Natur gefällt. Da schen wir i» Len iudischen Grottentempeln kolossale
fitzeude Löwen, welche Säulen tragen, aus deren Kuauf ein Elephanten-
kopf hervortritt. während die Göcterbilder selbst vielköpfige und viclar-
mige Uugeheuer gewordeu sind. Ju dem kelchförmigen Eäpital der ägyp-
tischeu «-äule erkennt man die Lotosblume, in deu Zierathen Lesseldcn
die Schilf- uud Palmenblätter reS Landes. aber vor dem lTempel liegt
die aus dem Fels gehanene räthselhafte Sphiux; auf den Bildwerken
fiud dieGötter menschliche Gestaltcn mit einemHuade- oder Sperberkvpf.

„Wenn sonst die Aufgabe der verschiedenen Künste für jcde eine an-
dere ift, und es als cine Lusartung dczeichnet wird, weou eine in das
Gebict der andereu übergreift, so ist es Loch als eine HLHere Entwicklung
der Bauknnst anzusehen, daß alle Künste iu ihren Lempel einziehen unv
ihu verherrlichcu helfen. Sie strebt dabei nach einer Harmonie, dercn
Vorbild wreder iu der menschlichen Natur selbst liegt. Wo der Bilv-
hauer eine Ecke oder Nische fand, La steht ein Werk seines Meißels, die
Fenster werdc» zu farbeglühenden Gemälveu. Aber der gauze Mensch
soll überwälkigt wecden vvn dem Eindrucke des Schönen. unser Ohr
treffeu die mächtigen Kläugc dcr Orgel, oder der vollstimmige Chor hallt
iu den Kewölbeu wieber, indeß der Duft des Rauchwerks beim Opfer
nns a» deu fernen Osten und an das fernste Alterthum erinnert. Wenn
«au es dem kathvlischen Cultus nachgerühmt hat, daß er den ganzen
Menscheu erfasse, so hat er in dem deutschen Dome seinen vollendeten
Lusdruck gefunden und seiue ganze Macht geübt. Wie da draußen die
gauze Natur ein Lobgesang des Lchöpfers ist, s» sind hier alle Künste
vereinigt zum Preise des Allerhöchsten.

„Der Fortschritt in der Entwicklung der Kunst ist noch wesentlich
bestimmt durch die Natur der Stoffe, welche sie anweudet, uud durch
das Geschick, die Fertigkeit, womit sie diese zu bearbeiten versteht.
Wenn Ler Bildhauer eine aufrccht stehende Menschengestalt aus dem
Marmor meißelt, so bringt er geru als Stlltze derselben einen Steinblock
«der einen Baumstumpf an, vder er läßt das Gewand bis auf den Bo-
den reichen; gießt er dieselbe iu Erz, so fällt diese Rllcksicht auf eiuen
sichereu Stand der Bilbsäule weg, denn er kaun den unteren lTheil der-
selbe» massiv, den oberen hohl machen. Der Maler muß oft auf einen
Farbenton verzichten, nur weil er weiß, daß diese Farbe nicht haltbar
ist- Wie roh muß feruer das Schnitzwerk in Hol; oder Knocheo seio.
«enn dem Künstler daS eiserne Werkzeng fehlt, wenn ihm, wie bei deu
wilden Dölker», vielleicht nur ein geschärfter Stein zu Gebote steht s
Unter den Palästen von Khorsabad hat man eisecae Werkzeage der ver-
schiedeosten Lrt gefunde», welche Lie vortreffliche Arbeit an den altassy-
rischen Knustwerken erkläreu. Auch die Aegypter kanute» schou früh
Leu Gebrauch deS Eiseos, sie bearbeiteten die härtesten Gesteine, den
röthlichen Syenit uud den schwarzen Porphyr mit solcher Meisterschafk,
daß die feiuste Politnr derselben sich an vielen Kunstwerken bis jetzt er-
halten hat. Jn der Baukunst wurde aus diesen Gründen in ältester
Zeit vielfach das Hvlz augcwandt, an deffen Stelle später der Steinbau
trat. DieZieratheu des dorischen Lempels erinnern bekanntlich noch on
das Holzdach; man erkennt iu de» Lriglypheu die vortretenden Stirnen
der Qnerbalken. in deu Mutulen die Sparreuköpfe, in den sogenannteu
Lropfen unter beiden die hölzernen Nägel. Wenu dio Auwendung eines
ueuen StoffcS auf die Bauart einen Einfluß übe» wird, so ist es die
des Eisens, dessen Gebrauch sich gerade für den germanifchen Styl eiguen
wird, indem es die emporstrebende Bcwegung nvch leichter und kühner
zu gestalten gestattet. Die Eiseu- und Glas-Paläste unserer Lag«
haben gewiß uoch eiuen geringen künstlerischen Werth. aber sie zeigerj
dieRichkuug an, iu welcher eine Fortentwickluog der Architektur mögljch
sei» wird. Wie hat nicht schon die Anwendung ciues anVeren Metallsj
des Ziuks, die bürgerliche Baukusst verändert, iudem sie eine flache He-
dachung der Gebäude aussührbar machte! Es ist indeffen nicht außer Acht
za lassen, daß die i» Guß anSgefuhrten Lheile eines Bauwerks in tze-

wtffer Hmsicht unwerlher erscheineu «erdeu, alS dle vou menfchliche»
Handen gemeißelteu Werkstücke. Wenu nämlich auch der Steiumetz »ach
seiuer Schablone arbeitet, wie der Gießer sein Modell abformt, so ver«
mag er doch mehr als dieser iu der feiucreu Lusarbeitnug den eigeueu
Fleiß und daS eigeue Kunsigeschick z« bethätigeu. Dagegen tietct der
Metallguß wieder den Vortheil der viel schucllereu Lusfährung und der
leichteren Bervirlfältigung der Kunstwerke dar. Luch unsere Bücher
hatte» cinst mehr Werth, als ma» jedes einzelne mit der Hand schreibe»
und malen mußte, jetzt Lruckt man sie; aber wollsn wir darum vergessen,
was Lie allgemeioe Bilduug uud was Lie Wisseuschaften der Buchdrucker»
knust verdauken?

„Bou der verbesserten Knnstfertigkcit in den Leistungen der gegen-
wärtigen Zeit licfern die Lrbeiten am kölner Dome den «nzweifelhaf-
ten Beweis. Än Schärfe und Bestimmtheit der Zeichuung stehen die
neucu Bildhauer-Arbeiten den alten nicht nach, svndern übertreffen sse
sogar; mit großem Glück hat man für dieselben fine größere Mannig-
faltigkeit von Formc» gewonneo, für das Laubwerk znm Beispiel neue
Blätter nach der Natur selbst abgeformt. Der Zustand unseres chemi-
sche» Wiffens hat die Wisderauffindung der verlornen Glasmalerei er-
leichtert oder vielmehr erst möglich gemacht. und in diesen Glasgemälden
selbst. dem reichen Geschenke König Ludwig's von Baiern. bewunder»
wir dir vollenkete tadcllose Asichnung, so wie die ganze Farbenpracht
Ler gegeuwärtigen Kunst-Epoche. Die Wirkung dieser auSgezeichneteu
Gemälde ist so großartig, daß man ihnen gerade die Bortrefflichkeit der
Aussührung zum Vorwurfe gemacht hat, als weu» sie dadurch die Auf-
merksamkeit allzu sehr auf sich und von dem Dauwerke selbst ab zöge»,
während die cinfachcre Behandlung der alten Glasgemälde dicse nur als
schmückendes Beiwerk der Wirknng des Ganzen unterordne. Wir müssen
unS aber hüten, das als eine üderlegt« und weise Mäßigung der alteu
Knnstweise anzuseheu, was eben nur eine Folge der noch unvollkomme-
nen Kunstbildung in diesem Fache war. Bei der Wiederaufnahme deS
Baues hat man sogar Mängel gefundea, Lie man von den sonst so tüch-
tigen alten Meiftern gar nicht hätte erwarten sollen. Einzelne Schafte
dcr Säulenbündel hatten sich losgelös't. weil ihre Verbindung mit den-
selben ungenügenL war. anch an Len Gewölbrippen fehlte »icht selten
zwischen Len Werkstücken der nöthige Verband. Das sind Leichtfertig-
keiten. di'e sich nicht cutschuldigen, ader daraus erklären lassen, Laß ma»
Koste» ersparen und den vielfach gestörten Bau schneller fördern wollte.
Jctzt wird unter Zwirner's Leitung auch die Sicherheit und Dauer-
haftigkeit des Gebäudes mit der größten Gewissenhaftigkeit und Umsicht
wahrgenommen. Aucb in der Wahl des Steines waren die Alte» nicht
immer glücklich. Jn dem Lrachyt des Drachenfels sind großeFeldspath-
Krystalle eingesprengt. diese verwittern, wo der Stei» schräge oder wage-
recht licgt, und gestatten dem Waffer Len Zutritt ins Jnnere des Steines.
Die daducch schadhaft gewordcnen Slreben und Stcebebö'gen an der
nö'rdlichen Seite Les Baues hat ma» deßhalb, die Erfahrungen Ler
letzte» Zahrhunderte benutzend, aus festem lTrachyt vom Stenzelberge
und aus Laoa voa Niedermendig erueuert. Jeder Fortschritt des Hand-
werkS und Les GewerbfleißeS in unseren Lagen kommt dem Dombau, a»
dem so viele Hände beschäftigt sind, zu Statten. Auf hohem, kunstreich
zusammengefügtem Gerüste hat anch Ler Dom seine Eisenbahnen; auf
eisernen Schicnen werdeu die schwersten Werkstücke jetzt leicht fortgescho-
ben, deren Handhabung früher schwerfällige Vorrichtungen erforderte."

Dann hrelt Herr Privatdocent 0. Springcr einen Vortrag über
die Künstlerdildung im Mittelaltcr, wies die religiösen Wurzeln und deu
kirchlichen Einfluß is derselben nach. und erläuterte die Haoptmomeute,
Lie an der srühmittelalterlichen Künstlerbrldung bemerkdar werden, durch
eine Reihe historischer und biographischer Schilderungen.

Jnzwischen hatte man die Ergänznngs-Wahl dcs Vorstandes vorge-
nommen. Sie fiel auf die Herren Fleischhauer, tdeol., Schell,
slllä. tkvlll., Bahlmann, etuä pbilvs , und Michels, sluS. tkeol.

Nachdem Hecr Professor 0. Floß dieses Resultat verkündigt hatte,
schloß der Ehrcnpräses Herr Prof Dieringcr mit kurzen Worten die
Bersammlung. Die Bechandlung war nm halb fünf Uhr beendigt.

Jn der VerlagS-, Buch- und Kunsthandlung von Franz Carl Eisrn,
Domhof Nr. 13—, ist so eben in Commisfion erschreuen «nd durch alle
Buchhandlungen zu beziehen:

DieneuenGlasgemäl-e imDome znKölu,
eiu Wtihe-Veschellk

Sr. Majestät ves Königs Ludwig I. von Baiern,

beschriebe» von

Errrst Weydeu.

Es muß das Werk den Meister loben,
Doch der Segen kommt von Dben.

Schiller.

Zum Besten des Kölner Dombaues.

Dritte vermehrte Luflage.
gr. 12. 78 Seiteu geh. Prers 10 Sgr.

Diefe Schrift, welche bereitS in zwei starken Auflagen verbreitet ist,
enthält auch die Brschreibung der alten Glasgemälde des Kölner
Domcs im hohen Chore und im nördlichen Nebenschiffe deS Langhauses,
eine kurze Geschichte der Glasmalerkunst, so wie eine gedrängte
Ueberficht dessen, was König Ludwkg I. von Baiern für alle Aweige der
bildenden und zeichnenden Künste gcthan hat, nebst Lngabe der vorzüg-
lichsten Knnstwerke, welche unter seinem Schutze in Baiern geschaffen
worden.

Derantwortlicher HerauSgeber: I. I. Relles in Kvln.
Commissions-Werlag des AerlegerS der Köl». Itg.: Jos. DuMont in Löl«.
Druck vou M. DuMont-Gchauberg in Köln.
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