Lanckoroński, Karl [Editor]
Der Dom von Aquileia: sein Bau und seine Geschichte — Wien, 1906

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ZUR VORGESCHICHTE DES DOMBAUES

1. Topographische Fragen

ie die vorhergehende Beschreibung zeigt, finden sich am heutigen Dome
von Aquileja unverkennbar altchristliche Baumotive. Die beiden Neben-
apsiden abgerechnet, zeigt der Grundriß sogar Verwandtschaft mit den
Hauptbasiliken Roms. Andererseits unterscheiden sich die Gesamt-
anläge und einzelne Teile derselben in eigenartiger Weise von ähnlichen Bauten.
So fallen an der Außenerscheinung, im Gegensatze zu der sehr ähnlichen Badia
von Pomposa,1) die malerischen Bögen auf, mit welchen antike Säulenreste und
rohe Kapitelle hier Dom und Taufkirche verbinden. Dem Kunsthistoriker bietet
das Innere der weiträumigen Patriarchenkirche ebensoviel Interesse als Schwie-
rigkeit, umsomehr als dieser Bau bisher aus der Kunstgeschichte so viel wie aus-
geschaltet erschien. Und doch muß offenbar die Bedeutung Aquilejas in der christ-
liehen Antike noch größer gewesen sein, als sie im Mittelalter tatsächlich war. Wie charak-
teristisch ist allein diese Choranlage! Erinnert sie mehr an das alte St. Peter, wie es Raffael in
dem Stanzenbilde uns erhalten hat, oder an den ältesten Bauriß, den wir aus St. Gallen kennen,
oder ist ihre Hochlage den Presbyterien der Michaelskirchen von Pavia oder Hildesheim ver-
wandt ?

Hier müssen wir in die Tiefe gehen, denn die unter einem solchen Presbyterium verbor-
gene Krypta ist sicher nicht zwecklos erdacht wie manch eine Krypta aus romanischer oder
gotischer Zeit, und die Chorbildung — so viel lehrt ein Blick — entspricht keinem traditionellen
Schema ganz. Wohl aber wird die Frage berechtigt erscheinen, inwiefern auch hier etwa der
verborgene Kryptaraum, wie beim menschlichen Körper das Herz, den Ausgangspunkt des
Lebens für den ganzen Bau einstens gebildet habe. Unter den ältesten und hervorragendsten
Bauten der christlichen Periode finden sich zahlreiche Beispiele für eine solche Entwicklung.
Ihre Topographie ist ihre Geschichte.

Wir moderne Menschen müssen freilich die Bauplätze für unsere Kirchen erst suchen und
wählen dieselben kaum je aus historischen Gründen, sondern zumeist nach praktischen und
ästhetischen Rücksichten. Unvergleichlich stärker mußte aber in der antikchristlichen Zeit,
und hier wieder besonders im 4. Jahrhundert, Geschichte und Pietät die Wahl eines kirch-
liehen Bauplatzes beeinflussen. An Turm= oder Kuppelwirkung und damit an Belebung des
Stadtbildes dachten jene Baumeister noch nicht, sondern durchgängig war der Anschluß an
Vorhandenes, monumental Gegebenes für sie bestimmend.

In dieser Zeit, unmittelbar nach der Periode der Glaubensboten und der Märtyrer brauchte
man nämlich für die rasche Arbeit der neuen Kirchenbauten vor allem außerhalb der Stadt-
mauern und, mit einiger Einschränkung, auch innerhalb derselben die Bauplätze nicht lange
zu suchen. Sie waren meist schon gegeben und die Basilika war dann nur das gebaute Riesen-
reliquiar über einem Märtyrergrabe oder sonst einer vorgeheiligten Stätte.

Die Platzfrage
bei den ersten
Kirchengründungen

') Aquelli, Ferrara e Pomposa. S. 84, Äußeres der Kirchenanlage.

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