Lanckoroński, Karl [Editor]
Der Dom von Aquileia: sein Bau und seine Geschichte — Wien, 1906

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VON ATTILA BIS POPPO

ie stolze, von niemandem noch bezwungene Festung und reiche Handelsstadt
Aquileja fiel im Jahre 452 in die Hände der Hunnen. Aber nicht so sehr die
Schwäche ihres Mauerwalles, die ein Storchenpaar durch sein Auffliegen dem
Hunnenkönig verraten haben soll, brachte die Stadt zu Fall. Sie war ein
militärischer Hauptstützpunkt für das römische Heer gewesen, so weit dies
am rechten Donauufer den limes romanus bewachte. Als dieser durchbrochen
war, hatte das militärische Aquileja keinen erhaltenden Zweck mehr. Die weit-
ausgreifende Weltherrschaft Roms begann zusammenzubrechen, und schon in dem auf die Zer-
Störung folgenden Jahre konnte nicht mehr der in Ravenna zur Flucht bereite Kaiser, wohl aber
Leo, der Große, die Geißel Gottes von der ewigen Stadt fernhalten.

Roms Größe erhielt sich dadurch, daß sein geistiges Erbe auf die Kirche überging, die es
nicht verschmähte, ihren äußeren Bestand von dem unermeßlichen Schatze griechisch=römischer
Kultur mittragen zu lassen. In Aquileja kam aber zu dem Zerstörungswerke Attilas eine
wirtschaftliche und eine politisch=religiöse Schädigung. Mit der Ohnmacht der Stadt hatten auch
ihre Handelsbeziehungen das Leben verloren, und der unbenützte Hafen begann zu versanden.
Aber auch Grado erwies sich zu schwach, um die ganze Bedeutung von Seevenetien zu erben.
Eine mehr als hundertjährige Kirchenpolitik isolierte die Patriarchen geistig von Rom und
immer mehr auch materiell von Byzanz, ja ihre geschwächte Machtsphäre spaltete sich sogar
in sich selbst, so daß unter dem Einflüsse der Longobarden Altaquileja in empfindsamen Gegen-
satz zu dem mehr byzantinischen Neuaquileja auf Grado trat.

Als sich Attila nahte, wurden die heiligen Schätze der Stadt in Sicherheit gebracht, und
zwar auf der Insel Grado. Durch welchen Bischof dies geschah, ist nicht mit Sicherheit zu
sagen.1) Bei dem Untergange der Stadt sollen 37.000 Menschen ihr Leben verloren haben.
Allerdings wurde Aquileja wieder erbaut,2) aber seine Bischöfe hatten keinen gesicherten Sitz
mehr in der Patriarchenstadt.

Übereinstimmend berichten die Quellen, daß Erzbischof Marcellianus in der ehemaligen
südlichen Vorstadt Aquilejas, und zwar auf den Überresten des Belenustempels ein Kloster
erbaut habe.3) Es dürfte also das schon vorher bestandene monasterium, aus welchem Rufinus
hervorgegangen war, nicht mehr in Stand zu setzen gewesen sein.4) Vielleicht hängt die Neu-

*) Nach dem Chronicon Patriarcharum Aquilej., S. 7, hat
Nicetas die Belagerung mitgemacht. Sehr schön sagt von ihm Lu-
cretius Treus, er sei im Anblicke der von Attila zerstörten Stadt
seelisch, wenn auch nicht dem Leibe nach zum Märtyrer geworden
(animo, non corpore vere martyr, Sacra monumenta, S. 77). Das
erwähnte Chronikon bringt die irrige Nachricht von einer dreijäh-
rigen Belagerung Aquilejas und von der Errichtung des Schloßberges
von Udine durch Menschenhand, damit Attila dem Brande Aquilejas
zusehen könne. Nach Dandolo regierte Nicetas 454—485. Bei der
auch sonst merkbaren Verschiebung der Chronologie Dandolos wäre
es möglich, daß Erzbischof Secundus (?) unmittelbar vor oder bei
der Belagerung starb und somit auch Nicetas dieselbe von Anfang
an miterlebte.

2) Vgl. das oben S. 55 f. Angeführte in Übereinstimmung
mit der Schilderung, die das Konzil von Grado (579, siehe unten)

gibt: civitas nostra funditus est destructa. — Die Industrie, welche
Much (Frühgeschichtliche Funde, S. 125) nach Attila in Aquileja
annimmt, kann nicht sehr bedeutend gewesen sein.

3) C. I.,V., 732. Vgl. a Turre, de Diis aquil. VI, 15. Chronikon,
S. 38 fecerat monasterium Beligniense in destructa Aquilegia. Florio,
Vita B. Bertr., S. 76. Nach de Rub, Monum., 157 f. bestand diese Kirche
um die Mitte des 18. Jahrhunderts, bis sie unter Kaiser Josef verfiel.
Joppi, Abbazia di S. Martino, 1867. Inter rudera ecclesiae wurden viele
antike Inschriften gefunden. Die Ausgrabung der Kirche steht bevor.

4) Zu unterscheiden von dem Frauenkloster Monastero, jetzt
Baron Ritterscher Gutsbesitz. Die daselbst gefundenen Inschriften,
im Staatsmuseum von Aquileja, weisen auf diese Zeit, und die Über-
einstimmung der Apsisanlage hier, wie beim Dome von Grado ist
auffällig. Daß aber Erzbischof Nicetas dieses Kloster gegründet habe,
setzt die Zuweisung der Schrift Ad lapsam virginem an den aqui-

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