Lanckoroński, Karl [Editor]
Der Dom von Aquileia: sein Bau und seine Geschichte — Wien, 1906

Page: 80
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/lanckoronski1906/0110
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
NEUAUFBAU DES DOMES

er tatkräftigste seiner Patriarchen hat unserem Dome in den ersten Dezennien
des 2. Jahrtausends jene Form gegeben, die das ehrwürdige Bauwerk, dessen
Grundriß auf die antike Zeit zurückgeht, im wesentlichen bis heute zeigt. Poppo,
höchstwahrscheinlich dem deutschen Geschlechte der Traungauer Grafen ent-
stammend, bestieg den Patriarchenstuhl im Jahre 1019 und regierte 23 Jahre.

Die Bedeutung dieses Kirchenfürsten läßt der von ihm verwirklichte
Plan erkennen, Aquileja wieder zu errichten, der Stadt Mauern, eine Kathe-
drale mit einem von ihm dotierten Domkapitel und einen großartigen Bischofspalast zu geben;
noch mehr mag die Energie beweisen, womit er, die Grundbedingung der Blüte Aquilejas er-
kennend, erfolgreicher als jeder seiner Vorgänger, wenn auch nicht dauernd, dieselbe erreichte.

Die beiden Pole der politischen Bewegung waren die aufstrebende deutsche Macht und
das verfallende Griechenreich. Die Karolinger hatten ganz Landvenezien den Longobarden
abgenommen, während die von Aquileja getrennten, mehr freiheitlich organisierten See= und
Handelsleute der Inseln und Lagunen unter der schwächlichen Schutzherrschaft Konstantinopels
sich wohl befanden. Die «riva alta» war die natürliche Burg, in der die tüchtigen Seeleute
unbezwungen sich behaupteten. So erwuchs die spätere Rivalin Aquilejas.

Bald kam zu dem politischen Gegensatz eine kirchliche Förderung Venedigs, als es den
Leichnam des heiligen Evangelisten Markus,1) dem eine prächtige Basilika gebaut wurde,
erhielt. Der heil. Markus, eigentlich Evangelist Aquilejas, war damit der Stadtherr der späteren
Republik («republica di san Marco») geworden und sogar Grado hatte Reliquien dieses Hei-
ligen erhalten,2) obschon es seit 200 Jahren auch diejenigen von Hermagoras und Fortunatus
besaß, die Aquileja schmerzlich entbehrte. Wie fühlbar war es, daß dieses an sich völlig
bedeutungslos gewordene Grado, die Tochterstadt Aquilejas, letzteres von der mächtigen
Enkelin Venedig, trennte! Wenn also Grado aufhörte, eine kirchlich führende Stellung zu
haben, mußte die Zukunft Aquilejas als des Patriarchates von ganz Venezien auch politisch
und wirtschaftlich gesichert erscheinen.

Darum betonte Poppo im Jahre 1027 auf einer Synode im Lateran die Entstehungs-
geschichte des Inselpatriarchates, und nach Anhörung seiner Gründe3) wurde ihm das Recht
auf Grado zugesprochen. Die Gradenser wollten sich offenbar der päpstlichen Entscheidung
nicht fügen und bereiteten Gegenschritte vor, während Poppo eine tiefgreifende, Grado und
gewiß auch dem damaligen Venedig nacheifernde Erneuerung seines eigenen Domes plante.
Dazu holte er sich,4) vor Gewalt nicht zurückschreckend, die ihm zugesprochenen Heiligtümer,

J) Dandolo Chron. VIII, II, 5, S. 170. Secundo ducis anno: Ju-
stinianus Participacius regierte von 827 an. Nach Joannis, Chron.
Venet. in Pertz. M. G. VII, 16 zum Jahre 823, wäre diese erste Markus-
kirche 836 geweiht worden. Die Erwerbung der Reliquien schildert
am ausführlichsten Bern. Justiniani, de Divo Marco 0111. (Ohne Pagin.)
ibid. auch die Erzählung, daß Marcus auf dem Rückweg von Aqui-
leja nach Rom durch einen Sturm nach Rialto verschlagen wurde.
Ein Engel erscheint und profezeit, daß dort seine Gebeine lange
Ruhe halten werden. Vor seinem Martyrium, im Kerker von Ale-
xandrien, erscheint ihm Christus mit der Anrede: Pax tibi Marce

Evangelista meus: die inschriftliche Beigabe auf dem Buch der vene-
zianischen Markuslöwen. Vgl. Manin, Memorie, S. 6ff.

2) Patriarch Fortunatus von Grado erwähnt in seinem Testa-
mente, daß in der Euphemiakirche ein Altar des heil. Markus sei
und seine Reliquien in einer aus Konstantinopel gekauften cassa
aufbewahrt werden. Ughelli, Ital. Sacra, V, S. noi.

3) cf. De Rubeis, Monum., S. 512—516.

4) Diese Reihenfolge der Tatsachen hat auch de Rubeis
(Monum., S. 525), dem wohl Monticolo, Inventio, S. 126, unter Be-
rufung auf Jaffe, Regesta pontif., widerspricht und den Zug Poppos

80
loading ...