Lanckoroński, Karl [Editor]
Der Dom von Aquileia: sein Bau und seine Geschichte — Wien, 1906

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die Reliquien Grados. Die Leichname der Heiligen Hermagoras und Fortunatus wären natürlich
für die nahe bevorstehende Kirchenkonsekration von größter Wichtigkeit, um nicht zu sagen,
bei der damaligen Auffassung von politischer Bedeutung gewesen. Es fanden sich aber, trotz-
dem man in den Altären suchte, diese Reliquien nicht.1)

Das war ein ungünstiges Omen. Und trotz einer neuerlichen Bestätigung der Rechte
Poppos über Grado bestand das dort von den Venezianern begünstigte Patriarchat fort und
sollte sogar im folgenden Jahrhundert die endgültige päpstliche Entscheidung zu seinen Gun-
sten erlangen.

Poppos Energie war aber nicht entmutigt. Reliquien konnte er sich aus Rom verschaffen,
vor allem galt es zu bauen, damit Aquileja wieder den Vergleich mit Grado und Venedig aus-
halte. Poppo sah S. Marco mit dem Grabe des eigentlichen Evangelisten Aquilejas2) noch als
Langhausbasilika,3) für deren Glanz die 976 bestellte Palla d'oro schon in ihrer einfacheren Ge-
stalt genügendes Zeugnis gab,4) und der Stolz Venedigs sprach sich bereits in dem emporstreben-
den Kampanile aus,5) wie ein ähnlicher der eigenen Patriarchenstadt fehlte. Auf'Grado wirkte Die Kirchen
noch des Fortunatus Bau= und Schmucklust an allen Kirchen und Altären nach, die von by-
zantinischen und fränkischen Künstlern gearbeitet waren, so daß die Insel sich rühmte, an
Kirchen und Heiligen das alte Aquileja zu erreichen.6)

Das damalige Aquileja wäre sogar leicht zu übertreffen gewesen. Seine Reliquien lagen
in Grado, seine eigene 600jährige Kathedrale war durch das Erdbeben von 998 noch mehr
zur Ruine geworden. Und während in Grado S. Giovanni Evangelista und S. Agatha wieder-
hergestellt wurden,7) der zum zweitenmale verjüngte Dom8) mit S. Giovanni Battista, S. Maria
delle grazie, S. Pantaleo, S. Lorenzo, S. Paolo, S. Zeno, S. Pellegrino, wahrscheinlich S. Cri-
sogono und auf den nahen Inseln S. Pietro d'orio, S. Maria in Barbana und S. Giuliano bestan-
den, — waren in Aquileja die prächtige Kirche auf dem Tulliofelde und die Anastasius= und

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memoria, ein wichtiges Heiligtum der Stadt, völlig vergessen worden. Sonst können wir mit
Sicherheit nur die Kirche S. Feiice, die Poppo daher auch innerhalb der Stadtmauer geborgen
sehen wollte, und vor der Stadt das Belignakloster ansprechen. Wahrscheinlich bestand
S. Andrea, vielleicht S. Giovanni Evangelista und, jedenfalls in einem traurigen Bauzustande,
das Frauenkloster von Monastero, für welches er wie für den Dom zum zweiten Gründer
werden sollte.9)

Aquilejas Reichtum waren seine Traditionen. Sie wurden auch zum Stachel für die Er-
reichung der alten Größe und historischen Rechte. Und wie zur Bekrönung der Ansprüche
erklärte die Synode vom Lateran (1027), daß die Kirche Aquilejas nach Rom in Italien die
erste sei.10) Wenn Poppo nicht vor diesem Jahre schon zu bauen begann, hat er es sicher
unmittelbar darnach getan.

1023 ansetzt. Es ist die Frage, ob nicht die Abkürzung «milesimo 30»
(S. 151 bei Monticolo) auf 1030 eher gedeutet werden könnte als auf
1023? Das Verhalten Poppos gegenüber der für ihn ungünstigen Ent-
scheidung vom Dezember 1029 würde den fraglichen Zug unmittelbar
vor der Konsekration seiner Kirche wohl erklären.

*) Die parteiische Darstellung der Gradenser Quellen, als
wäre Poppo in unwürdiger Weise vorgegangen, mochte Anhalts-
punkte im Verhalten seiner Leute gefunden haben; aber das Er-
öffnen der Altäre stand dem Bischof, besonders wenn ihm Grado
vom Papste schon zugesprochen war, zu und nur dort konnte er
die Reliquien zuerst suchen.

2) Schon nach 870 drang aus dem Kloster Reichenau am
Rhein die Nachricht, der Evangelist sei durch Bischof Ratold von
Verona um 830 dorthin übertragen worden. Sigeberti Chronica,
Pertz, M. G. VI, 311, SS. II, 38. IV, 450. Vgl. dagegen die Apparitio
S. Marci AA. SS. III. April 356 f. und Archivio Veneto IX, 1895, 111 Dis
177. Monticolo, L'Aparitio S. Marci e i suoi manoscritti. Venezia 1895.
Bischof Ratold ist wohl der erste dieses Namens, bei Ughelli, Ital.
sacra V, S. 704; ibid. auch seine Beziehungen zum Patriarchen Ma-
xentius, S. 708.

3) cf. Boito, La basilica di S. Marco. Text, S. 112—148. Grund-
riß, S. 113.

4) Doge Pietro Orseolo bestellte dies metallene Antipendium
bei byzantinischen Künstlern. Chronik d. Diak. Johannes, M. G. hist.
VII, S. 26.

5) Boito, 1. c. XXI. Mangelhaft dargestellt.

6) cf. Caprin, Lagune di Grado, 327. Czörnig, Görz, S. 231.
Grado ecclesiarum copiis decorata, sanctorum corporibus fulta quem-
admodum antiquae Aquilejae.

') cf. Das Testament des Gradenser Patriarchen Fortunatus
bei Ughelli, Italia sacra V, noiff. und Caprin, Lagune di Grado,
S. 45. 325-

8) Dort auch, wahrscheinlich von Venedig her, Reliquien des
heil. Markus, ferner des legendarischen S. Quirinus (Ruinart, Acta
mart., 521. AA. SS. Bol. Juni I, 373 ff. Eusebius, Chron. Migne, P. 1.
XXVII, 495), des angeblichen Sohnes von Kaiser Philippus Arabs
und Bischofes von Lorch, womit für das relativ junge Grado ein
geschichtlicher Nimbus umsomehr erreicht war, wenn man diese
Ausschmückungen der pannonischen Heiligenlegende als Wahrheit
hinnahm. Vgl. die Reliquien, die bei der Domweihe Aquilejas aus
Rom gebracht wurden.

g) Der Patriarch nennt 1031 seine Stadt: maximo ecclesiarum
decore destitutam. Ughelli, Ital. sacc. V, S. 51.

IO) Volumus Aquilejensem Ecclesiam in cunctis fidei rebus
peculiarem et vicariam et secundam esse post hanc almam Roma-
nam sedem sicut olim a B. Petro concessum fuisse videtur. De
Rubeis, Monum., 517. Von Johann XIX. bekam Poppo das Pallium
und die Erlaubnis, auch das Rationale zu tragen. Ughelli, 1. c.
V, S. 49-

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