Lanckoroński, Karl [Editor]
Der Dom von Aquileia: sein Bau und seine Geschichte — Wien, 1906

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DIE LETZTEN SCHICKSALE

nter Poppos Nachfolgern waren tüchtige Männer, wie der angebliche Ver-
wandte Kaiser Heinrichs III., der Patriarch Gotepoldus (1060?—1068),1) der,
trotz seiner politischen Parteinahme für Heinrich IV. kirchlich im Sinne Gre-
gors VII. wirkte. Er stiftete 1162 die Propstei St. Stefan bei Aquileja.2) Sein
Nachfolger, der einstige Kanzler Kaiser Heinrichs IV., Patriarch Sighardus
wurde durch Verleihung des Herzogtums Friaul reichsunmittelbarer Fürst.3)
Damit war das Besitzrecht des Patriarchates auf ganz Friaul ausgedehnt.
Sighardus dotierte das Domkapitel von Aquileja.4) Kurz regierten die Patriarchen Heinrich
(1077—1084) und Friedrich II. (1084—1085), der erstere früher Kanonikus von Augsburg, der
letztere Propst von Brünn, ein Neffe des Böhmenkönigs Wratislaw, «der einzige Patriarch sla-
Wischer Abkunft, der aber bald nach seinem Regierungsantritt von seinen slawischen Unter-
tanen erschlagen wurde».5)

In dieser Zeit muß der merkwürdige marmorne Rundbau entstanden sein, den man jetzt
beim Eintritt in die Kirche links stehen sieht, den wir im folgenden Abschnitt als eine genaue
Darstellung des heiligen Grabes in Jerusalem erkennen werden, wie dasselbe vom 7. bis zum
Beginn des 11. Jahrhunderts bestand. Eine derartig reine Kopie des Vorbildes in Jerusalem
findet sich nirgends mehr, so vielfach man auch auf italienischem, deutschem und französischem
Boden diese heiligste Memoria der Christenheit nachbildete. Zugleich haben wir hier eine
originelle liturgische Mysteriumstätte des Mittelalters erhalten.

Dieser Bau wird zuerst beim Begräbnis des Patriarchen Sigeardus (... iacet ante Sepulcrum)
1077 erwähnt,4) aber erst der Patriarch Friedrich IL, der nur ein Jahr regierte, hat den Altar
daselbst geweiht und wahrscheinlich zu dessen Erhaltung eine Stiftung gemacht (1085).6) In
die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts werden wir daher den Bau dieses heiligen Grabes zu
verlegen haben.

Verfolgen wir nun wieder an der Hand der Zeitereignisse die Kunstentwicklung Aquilejas
weiter.

Am Anfange des folgenden Jahrhunderts war Papst Paschalis II. (1111) als Gefangener
des Kaisers Heinrich V. dem Patriarchen Ulrich übergeben und von diesem auf das taktvollste uirich i.
bewacht worden. Diesem Patriarchen, einem Kärntner Herzog,7) haben wir die erste Anlage

') Dessen Grabstein, von Coronini noch vergeblich gesucht,
an der Westwand des Domes neben dem südlichen Eingang kon-
statiert werden kann. Siehe den folgenden Abschnitt. Über sein Ver-
wandtschaftsverhältnis («patruus imperatoris») berichtet Lambertus,
Scafnaburgensis (bei de Rubeis, Monum., S. 530). Steindorf, Jahrbücher
des Deutschen Reiches, tut davon keine Erwähnung.

2) Candidus, Coram., S. 38. Nach de Rubeis, 1. c, S. 530,
verschieden von der gleichnamigen Siftung in Cividale. Auf dem
Plane II (S. 34) ist eine wohl nicht genaue Zeichnung der Kirche
mit Turm und anscheinend viereckiger Apsis erhalten. Die Kirche
wurde am 19. April 1758 demoliert. Bertoli, Antichitä III, S. 121.
Funde daselbst bei Bertoli, 1. c. II, S. 41, 58, 124. Ein Goldkreuz (una
crocetta d' oro con un rubino in mezzo) ein Grab eines fünfjährigen
Kindes ist im C. J. V. bei Inschrift 1056 erwähnt, ebenso zahlreiche
Inschriften, z. B. 1255 in eccl. S. Stefani in capelleta iuxta campanile

super quodam altari, 757 nach Guerra in ruinis ecclesiae etc. Die
Meinung Kandlers, Indagini, S. 21, daß diese Kirche die älteste Aqui-
lejas sei, wird schon durch ihren Titel widerlegt, obwohl die Stif-
tung Gotbolds einen älteren Bau, ähnlich wie in Monastero, benützt
haben mag.

3) Leicht, Diplomi imperiali, S. 155 ff. Czörnig, Görz, S. 265,
Anm. 2: ddo. Pavia, 3. April 1077.

4) J°PPi> Basilica, S. 20. Sigeardus Patriarcha obiit (II idus
Augusti 1077. 12. August) qui Ripas et X mansos apud Flaibanum fra-
tribus dedit et iacet ante sepulcrum.

5) Czörnig, 1. c, S. 267.

6) VII. Kai. Maii (25. April) Fridericus patriarcha obiit, qui de-
cimas ville Scrilach et duas Massaricias in Bellenia quando altare
sepulcri consecravit dedit. Joppi, 1. c, S. 20.

') De Rubeis, 1. c, S. 543.

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