Lanckoroński, Karl [Editor]
Der Dom von Aquileia: sein Bau und seine Geschichte — Wien, 1906

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Die Anzahl ihrer Einwohner ist nicht genau bekannt, wohl aber kennen wir den Zug der Die Stadt Aquiieja
alten Mauern1) und wissen, nach Ausonius,2) daß Aquiieja im 4. Jahrhundert, also zur Zeit
der öffentlichen Kirchenbauten, eine der neun größten Städte der Welt war, und zwar nach
Rom, Trier, Mailand und Capua, unter den italienischen Städten also an vierter Stelle. Er
führt ihren Ruf auf die Anlage der Mauern und des Hafens zurück. Nach Herodian3) wäre
sie am Ende des 3. Jahrhunderts sogar die größte Stadt Italias gewesen. Die bedeutenden
Baureste, die Mosaikfunde und die Fülle der Inschriften und Graburnen sind die stummen Zeu-
gen für die Wahrheit jener Schilderungen.4) Ammianus Marcellinus nennt die vom Höhepunkt
ihrer Blüte schon herabsteigende Stadt5) zur Zeit Julians des Apostaten6) durch Lage und Reich-
tum hervorragend; ihr eigener Bischof Chromatius (f 408) bezeugt das Zusammenströmen des
Volkes zu den reichen Märkten7) und ein genauer Kenner derselben, St. Hieronymus,8) spricht
um die Wende des Jahrhunderts von ihrer lebhaften Handelsverbindung zwischen Orient und
Okzident.9) Ein solches Zentrum der Handelsbewegung, das zugleich dem militärischen, ja dem
ganzen antiken Kulturleben und seiner Vermittlung für die Alpenländer diente, mußte zu dem
Schmucke seiner Tore, Paläste, Theater, Thermen, Villen und Geschäftsanlagen und vielleicht
noch mehr wegen oder an Stelle seiner Tempel in der christlich gewordenen Zeit auch ein
Bedürfnis nach Kirchen haben.

Auch für Aquiieja waren die früher dargestellten Gebräuche und Ideen der alt christlichen
Bauherren und ihrer Künstler maßgebend. Abgesehen davon, daß sie in der unmittelbaren
Empfindung der Christen wie im konservativen Zug der römischen Antike begründet sind,
finden wir gerade in der fraglichen Zeit des 4. Jahrhunderts Belege hierfür, und zwar inner-
halb wie außer unserer Stadtmauern. An Interesse wie an Beweiskraft gleich stark mag
folgender Beleg sein, der bisher wenig in der Literatur über Aquiieja Beachtung fand, obwohl
er gerade für den Kirchenbau innerhalb dieser Stadt im Gegensatz zu Grabkirchen wichtig
erscheint.

Als das plötzliche Losbrechen der diokletianischen Verfolgung im Jahre 303 die Christen Die Werkstätte
aus ihrer Ruhe aufgerüttelt hatte, entstand vielfach ein Enthusiasmus für das Martyrium, der des Martyfers

° J Anastasius

sogar Kinder bewog, sich beim Statthalter als Christen zu melden. Ein Bürger Aquilejas, der

r) Czörnig, S. 193, Anm. x, nimmt nach Kandier, Indagini, S. 17
u. 22 eine halbe Million Einwohner an. Nach Belachs neueren Berech-
nungen (Bevölkerung, S. 488) wäre die Stadt nur so groß wie Pompeji
und halb so groß wie Mediolanum gewesen, wogegen Nissen, Lan-
deskunde II, S. 231, sich ablehnend verhält und namentlich die Vor-
städte gegen die Lagunen zu mit Recht als sehr ansehnlich darstellt.
Über die Mauern vgl. Maionica, Fundkarte, S. 20 ff.

2) Ausonius (f zirka 393) führt in seinem Ordo nobilium ur-
bium folgende Städte auf: I. Roma. II. Constantinopolis et Carthago.
III. Antiochia et Alexandria. IV. Treveris. V. Mediolanum. VI. Capua.
VII. Aquileia. VIII. Arelas. IX. Emerita. X. Athenae. XI. Catina
et Syracusae. XII. Tolosa. XIII. Narbo. XIV. Burdigala, das er als
seine Vaterstadt begrüßt. Die Bedeutung Aquilejas schildert er mit
den Versen:

Non erat iste locus: merito tarnen aucta recenti,
Nona inter ciaras Aquileia cieberis urbes,
Itala ad Illyricos objecta colonia montes,
Moenibus et portu celeberrima: sed magis illud
Eminet, extremo quod te sub tempore legit,
Solveret exacto cui sera piacula lustro
Maximus, armigeri quondam sub nomine lixae.
Felix, quae tanti spectatrix laeta triumphi
Punisti Ausonio Rutupinum marte latronem.

Opera ed. Migne, Lat. XIX, S. 870. Mon. Germ. Auetores V.II, S. 100.

3) Herodianus (Lib. VIII. d. Historiae, ed. Politiano, S. 480) bei
der Schilderung der Belagerung durch Maximinus (238): maximam
Italiae urbem, und weiter: . . . Aquileia prius quoque (ut erat ingens
urbis eius magnitudo) populo abundabat: et velut Italiae quoddam
emporium ad mare sita, quasique terminus Illyriae copiam rerum e
continenti per terram fluviosque convectam navigantibus suggerebat...
(ibid.) Infolge des Handels (hauptsächlich mit Wein) hebt er her-
vor civium ingentem numerum . . . magna vis hospitum ac merca-
torum (S. 481).

4) Über dieselben wird neben Maionicas' Führer das in Arbeit
befindliche Katalogwerk Benndorfs für das aquilejensische Staats-
museum Aufschluß geben.

5) Ammian. Marcell. (ed. Gardthausen, S. 247) berichtet für
das Jahr 361: . . cum Aquileiam pervenissent, uberem situ et opibus
murisque circumdatam validis, S. 247. Damals rühmte sich die Stadt,
daß sie nie überwunden worden sei: «hanc civitatem circumsessam
quidem aliquotiens nunquam tarnen excisam aut deditam. (ibid.)

6) Der selbst Aquiieja «Italiae emporium opulentum in primis
et copiosum» nennt (Marzuttini, Collezione, S. 71).

7) Conventus hic populi et mercatus frequentia (Marzuttini,
Collezione I, S. 70).

8) S. Hieronymus (Opera ed. Martianai Tom. IV, S. 13) bezeugt
in einem Briefe an Chromatius, daß zu jener Zeit Schreibpapier auf
dem Handelswege nach Aquiieja kam (chartam Aegypto ministrante
commercia . .), ebenso wie tierische Häute zum Schreiben aus Per-
gamum (membranas a Pergamo miserat . . .) und im 3. Buche gegen
Rufinus (1. c. tom. IV, S. 447) gebraucht derselbe Kenner Aquilejas
einen Vergleich, welcher einen zweitägigen Aufenthalt eines Kauf-
mannes, der orientalische Waren bringt, der kaufen und verkaufen will,
für das Handelsleben Aquilejas als zu kurz bemessen erscheinen läßt:
ut negatiator orientalium mercium qui et hinc deportata vendere
necesse habebat, et ibi emere, quae huc rursus adveheret, biduum
tantum Aquileiae fuerit . . .

9) Darüber siehe außer F. de Concina, Sul commercio dei
Romani in Aquileia, Alvisopoli 1810 (mit 5 Tafeln) noch J. Müller,
Handbuch VI, S. 759. R. v. Schneider, Erzstatue, S. 21 f. und Eugen Ba-
ron Ritter (Bernsteinfunde, S. 103), der aus dem Vorkommen des
durch und durch roten Bernsteines die Beziehung mit dem Orient er-
weist. Diese ist u. a. auch an Sarkophagkompositionen zu ersehen, die
sich von den stadtrömischen Denkmälern unterscheiden und mit helle-
nistischen Typen zusammenhängen, wofür wir auf das oben genannte
Katalogwerk verweisen.

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