Lanckoroński, Karl [Editor]
Der Dom von Aquileia: sein Bau und seine Geschichte — Wien, 1906

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gewachsen, so sehr auch sein und seines Bruders Grab, nicht weit von dieser Stelle, südöstlich
vor den Mauern Aquilejas, bei einer späteren Zeit in hohen Ehren stand. Dennoch hätten
wir einen Anhaltspunkt, an einen aquilejensischen Felix, der gerade um die fragliche Zeit eine
Rolle spielte, zu denken.

Es existierte nämlich ein zweiter Lokalheiliger dieses Namens, ein Genosse des Bischofs
Hilarus. Mit dem Diakon Titianus und drei Männern: Felix, Largus und Dionysius hatte der
Bischof den Martertod erlitten. Näheres über diese drei, jedenfalls aus Aquileja stammenden
Blutzeugen ist den Akten nicht zu entnehmen. Deren Zeitangabe würde aber wohl im all-
gemeinen mit dem Stilcharakter der Mosaiken übereinstimmen.

Wenn wir auch die Freiheit wahren müssen, in diesen Resten irgend einen profanen Bau
der römischen Kaiserzeit zu sehen, zwingt die eröffnete Perspektive doch zu folgenden Er-
wägungen.

Sollten die angedeuteten Vermutungen weiterhin sich bestätigen, hätten wir eines der
interessantesten Gebäude Aquilejas vor uns. Es wäre in nächster Nähe der Krypta eine Zu-
fluchtsstätte des Christentums, zugleich eine Brücke zur ältesten Geschichte des Christentums
daselbst. Mit Sicherheit kann freilich nur gesagt werden, daß, falls ein Gebäude in Aquileja
mit dem Märtyrer Felix und vielleicht sogar mit dem Bischof Hilarus einen Zusammenhang
hatte, es in der Heimatstadt eines Anastasius gewiß nicht vergessen worden sei. Vielleicht hat
dann jener, sonst völlig unbekannte Cyriacus, dessen Inschrift etwas jünger ist, um dieses
Haus als Oratorium sich Verdienste erworben.

Daß man später Krypta und Dom nebenan gebaut habe, erschiene dann auch nicht als
rein zufällig;1) dies umsoweniger, als die Felixinschrift und das Gebäude, das an Stelle des
Domes stand, annähernd dasselbe Niveau haben. Ebenso geben die verschwundenen, an der
Nordmauer der Krypta noch angedeuteten Räume zu denken. Gerade zur Zeit des Bischofs
Hilarus könnten jene komplizierten Baulichkeiten zusammenhängend, immerhin verschiedenem
Gebrauche dienend, den Platz bedeckt haben.2) Da aber auch das alte Baptisteriumgebäude,
wie erwähnt, in die ganze Anlage nicht ohne bestimmende Gründe miteinbezogen erscheint,
mochten diese verschiedenen Baulichkeiten dem 4. Jahrhundert wie die monumentale Vor-
geschichte des Christentums in der Stadt erschienen sein.

Tatsächlich wurde das Felixgebäude in seinem vorderen Teile längere Zeit benützt, was
aus der Abnützung der Mosaiken und seiner Schwelle bei N klar hervorgeht; der rückwärtige
Teil mit der Inschrift an Cyriacus aber war, wie die Beschreibung S. 24 lehrt, noch nicht
gebrauchsfertig, als eine zerstörende Hand das ganze Gebäude, und zwar anscheinend wider
alles Vermuten, dem Erdboden gleichmachte. Wir fanden noch auf den unbenützten, unge-
schliffenen Mosaiken die Farbenspritzer von der Bemalung der Wände, welche deutlich be-
weisen, daß diese Räume ihrer geplanten Verwendung nicht mehr zugeführt wurden. Da aber
zwischen den Jahren 237 und 340 keine Belagerung Aquilejas stattfand, bliebe ein anderer
Erklärungsgrund für diese plötzliche und gründliche Zerstörung zu suchen. Letztere würde
am natürlichsten durch die insgeheim beschlossene Christenverfolgung unter Diokletian erklärt.
Seit dem Martertod des Bischofs Hilarus und seines Genossen Felix waren zwanzig oder mehr
Jahre verflossen, während welcher Diokletian, selbst ein überzeugter Heide, duldsam gegen
die Christen vorging, deren Religion sogar seine Gemahlin Valeria und seine Tochter Priska
übten. Es ist begreiflich, daß man in dieser Zeit der Ruhe sehr wohl den Raum, der auf den
Märtyrer Felix Bezug hatte, in ein Oratorium umwandeln und dies offen benützen konnte.
Vielleicht hat man gerade daran weiter gebaut oder restauriert, als der Verfolgungssturm sich
erhob.

Im Orient wenigstens wurde zu Ostern 303 nach einer geheimen Sitzung des kaiser-
liehen Konsistoriums die Kirche in Nikomedien, die — ein Zeichen für die Freiheit jener Tage —
dem Palaste gegenüber erbaut war, umzingelt, erbrochen und niedergerissen, und am folgenden

J) Die Christen hätten später sich dort angebaut, wo sie schon hei-
misch waren; ein Dombaumotiv, das nicht verwechselt werden dürfte
mit Ferrantes Gedanken, der willkürlich den Dom direkt an der Stelle
einer «chiesa anti-Diokletiana» errichtet sein läßt. Ferrante, Piani, S. 30.

2) Man vergleiche z. B. wie in die römische Forumanlage
von Silchester (Calleva Attrebatum), einer Basilika mit zwei Tribunen,

Ambulatorien und verschiedenen Hallen, eine, der aquilejensischen
sehr ähnliche, Kirchenanlage unter Benützung der Hauptmauern sich
gut einzeichnen ließe. Es fehlt nur das Querschiff, aber die S. 47
erwähnte Schwierigkeit mit dem Estrich würde durch Einbeziehung
der offenen Fläche in das Seitenschiff erklärt. Archaeologia, Bd. LIII,
Taf. XXV und XLI.
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