Lübke, Wilhelm
Grundriss der Kunstgeschichte — Stuttgart, 1864

Page: 490
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490 Viertes Buch. Die Kunst der neueren Zeit.

kaum Einer war, der nicht sein Versailles haben zu müssen glaubte. Alle
damaligen Eesidenzen sämmt ihren Umgebungen wimmeln von derartigen
Prachtanlagen, von denen wir die ungemein reichen und zum Theil in
ihrer Art ausgezeichneten von Dresden, München und Würzburg her-
vorheben wollen. Eine ernstere Eichtung nahm die Architektur in Berlin
und Potsdam unter Friedrich dem Grossen, dessen Bauten, zumeist die
von G. von Knobeisdorf ausgeführten, eine strengere Behandlung bei
grossartiger Gesammtanlage zeigen.

DRITTES KAPITEL.

Die bildende Kunst Italiens im 15. Jahrhundert.

1. Die Bildner ei.l

Hatte schon in der gothischen Epoche die Skulptur in Italien sich
ein freieres Terrain erkämpft, so boten sich ihr nun Gelegenheit und
Mittel, sich noch ungehemmter zu entfalten. Ihre Hauptaufgaben bestanden
in der Ausschmückung der Grabmäler und Altäre, deren Aufbau in ziem-
licher TJebereinstimmung triumphbogenartig an die Wand sich lehnt und
in Eeliefs und freien Statuen mancherlei plastischen Schmuck verlangt.
Ausserdem werden die Kanzeln, Taufsteine, Weihwasserschalen, Sänger-
emporen und Chorschranken reichlich bildnerisch verziert. Die Fülle der
Aufgaben musste der Technik fördernd entgegen kommen, die Art der
Gegenstände aber dem malerischen und realistischen Streben der Zeit
zum Ausdruck verhelfen. In den Portraitstatuen der Verstorbenen wird
das Streben nach vollendet wahrer Auffassung der äussern Erscheinung,
in den zahlreichen Eeliefs die Eichtung auf Schilderung mannichfach be-
wegter Scenen des Lebens mit Entschiedenheit verfolgt. Wenn gleichwohl
im Ganzen selbst diese Zeit des energischen Realismus die italienischen
Künstler vor kleinlicher, zersplitternder Ausführung, vor der Verirrung
in unwesentliche, kümmerliche Details bewahrt, so ist dies nicht allein
dem Studium der Antike, sondern noch viel mehr dem angebornen gross-

1 Denkm. d. Kunst, Taf. 65 u. G6.
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