Lübke, Wilhelm
Grundriss der Kunstgeschichte — Stuttgart, 1864

Page: 159
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Kapitel I. Die Griechen. 4. Malerei. 159

Vasen verfolgen, welche durchweg ein glänzend feines Schwarz überzieht,
von dem die Figuren sich in der schönen rothen Farbe des Thones lebendig
absetzen. Der Charakter der Darstellungen bezeugt innerhalb dieser Classe
den TJebergang von einem noch strengen Styl zu einem vollendet schönen
(Fig. 85 b. c), der in edler freier Bewegung, in feiner Eaumfüllung und
zartem Schwung der Linien sich als Erzeugniss der höchsten Blüthezeit
kundgibt. An diese klassischen Leistungen hellenischer Kunst schliessen
sich in der letzten Epoche die Werke des reichen Styls, in denen das edle
griechische Maass in Gesammtform und Ausschmückung einer prunkvollen
Uebertreibung weicht, die sowohl in gewaltig grossen, bis zu 5 Fuss hohen
Prachtgefässen, als auch in üppiger dekorativer Ueberladung ihren Ausdruck
findet (Fig. 85 &.)'. Der glänzend schwarze Grund ist aus der vorigen
Epoche beibehalten und die Gestalten heben sich in rothem Ton davon ab;
aber in der häufigeren Beimischung anderer Farben, namentlich eines
helleren Gelb und Weiss, sowie in der massenhaften Austheihmg reicher
Blumen und Pflanzengewinde kündigt sich wieder eine Beimischung fremd-
ländischer Elemente an. In der That sind denn auch diese Gefässe meistens
in tfnteritalien, in Apulien und Lucamen aufgefunden worden. Auch ihre
Darstellungen enthalten grösstentheils Scenen der Heroensage, oft aber
auch, wieder dem Charakter der Spätzeit entsprechend, Schilderungen des
gewöhnlichen Lebens in grosser Manniehfaltigkeit. Die Körperformen sind
hier im Geist einer frei entwickelten, ja zierlich eleganten Auffassung be-
handelt, meistens jedoch mit einer virtuosenhaften Leichtigkeit, die nicht
selten ins Oberflächliche und Leichtfertige ausartet. Die Epoche nach
Alexander, um die Zeit der Eöinerherrschaft, ist die Blüthezeit für diese
letzte Gestalt der Vasenmalerei.

ZWEITES KAPITEL.
Die etruskisclie Kunst.

Italiens Lage hat manches Verwandte mit der Griechenlands. Durch
den hohen Gebirgsstock der Alpen von der nördlichen Ländermasse Europa's
getrennt, streckt es sich als langgedehnte schmale Halbinsel weit gen
Süden vor» Die Milde des Klima's begünstigte hier, wie in Griechenland,
schon zeitig das Aufblühen einer höheren Kultur; die freie meerumspülte
Lage lockte zu Handel und Schifffahrt. Aber die grössere Entfernung vom
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