Lübke, Wilhelm
Grundriss der Kunstgeschichte — Stuttgart, 1864

Page: 26
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/luebke1864/0046
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
2(5 Erstes Buch. Die alte Kunst des Orients.

ZWEITES KAPITEL.
Die Kunst des mittleren Asiens.

A. BABYLON UND NINIVE.

Westlich vom Indus erstrecken sich in weiter Ausdehnung Länder,
deren Naturbeschaffenheit in entschiedenem Gegensätze zum Klima Indiens
steht. Ein andrer Erdtheil, eine andre Zone mit neuen und eigenthüm-
lichen Kulturbedingungen scheint zu heginnen. Die übermächtige Fülle
der Naturkraft zeigt sich gemässigt, es fehlt nicht an fruchtbaren Gebieten,
aber dazwischen breiten sich unwirthbar öde Wüstenstrecken aus, und der
Mensch, statt von der üppigen Triebkraft der Natur umstrickt zu werden,
ist auf thätiges Eingreifen und kräftiges Bezwingen der widerstrebenden
Naturmächte angewiesen. Die Lage dieser grossen Länderstrecken, die
vom Indus bis an den Euphrat reichen, hat ihre Völker seit dem grauen
Alterthum in beständige Wechselbeziehung gebracht, und da die klima-
tischen Bedingungen den Sinn frühzeitig zur Thatkraft, zur selbständigen
Gestaltung des Lebens führten, so entwickelte sich im Gegensatz zu der
träumerischen Stabilität Indiens ein geschichtliches Leben voll raschen
Wechsels, reich an erschütternden Katastrophen, indem die Oberherrschaft
über diese naturgemäss zusammengehörigen Länder bald dem einen, bald
dem andern der hier ansässigen Völkerstämme zufiel.

Die ältesten Kultursitze dieses Gebietes finden wir in Mesopotamien,
dem Mittelstromlande des Euphrat und Tigris. Auch hier entwickelte sich
also die Kultur wie in Indien zunächst unter den Bedingungen eines mäch-
tigen Stromes. Aber der Charakter dieser Einwirkung war ein wesentlich
verschiedener, ja ein entgegengesetzter. Da der Euphrat in weit höherem
Bette und viel wasserreicher fliesst, als der tiefer liegende pfeilschnell
strömende Tigris, so wird, wenn im Frühjahr die Schneemassen der arme-
nischen Gebirge schmelzen, das ganze Flachland Ueberschwemmimgen aus-
gesetzt. Diese veranlassten schon frühzeitig das erfinderische Volk zur
Anlage grossartiger Dämme und Deiche und eines Systems von Kanälen.
Indem der Mensch also die Naturmächte regeln und sich dienstbar machen
musste, um aus ihnen die Bedingungen zu einer gedeihlichen Existenz zu
gewinnen, wurde der Trieb zum Handeln geweckt, die Thätigkeit des
Verstandes gefördert, ein kräftig regsamer Sinn entwickelt. Unter diesen
Einflüssen erhoben sich in grauer Vorzeit bereits gewaltige Eeiche mit
mächtigen Herrscherstädten, einer hochgesteigerten Kultur und ausgedehnter
loading ...