Lübke, Wilhelm
Grundriss der Kunstgeschichte — Stuttgart, 1864

Page: 50
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50 Erstes Buch. Die alte Kunst des Orients.

VIERTES KAPITEL. '

AEGYPTEK

1. Land und Volk.

An den Ufern des Niles begegnen uns die ältesten Spuren künst-
lerischer Thätigkeit. Wie sich überhaupt ein höheres Kulturleben erst in
den Stromthälern entfaltete, so war dies besonders und in hervorragender
Weise hier der Fall. Ohne den Nil würde das ganze Aegypten eine ebenso
unwirthbare Wüste sein wie die anderen angrenzenden Theile voii Afrika.
Aus den Hochgebirgen Abyssiniens herabströmend, schwillt der Fluss durch
die Wassermassen der tropischen Eegenzeit alljährlich mit grosser Begel-
mässigkeit an und bedeckt das meist nur schmale, von Felskämmen ein-
geschlossene Thal mit seinen Fluthen, nach deren Abfliessen ein ausser-
ordentlich befruchtender Schlamm zurückbleibt. Dieser Umstand wurde für
das Land schon in grauer Vorzeit die Quelle des Wohlstandes und der
höheren Kultur. Der wunderbare Strom zwang die Bewohner nicht bloss
zu schützenden Deich- und Uferbauten, sondern rief auch zeitig die An-
lage von Kanälen hervor, durch welche sein Segen geregelt und überall-
hin vertheilt wurde. Selbst zu- wissenschaftlicher Thätigkeit gab er den
ersten Impuls, da das regelmässige Wiederkehren und Verlaufen seiner
Anschwellung bald Gegenstand der Beobachtung und, mit Hülfe astrono-
mischer Betrachtungen, der gelehrten Berechnung wurde. Ja, das ganze
Leben erhielt, da es von dem Strome bedingt wurde, einen bestimmten
Zuschnitt, feste Eegel und Ordnung, so dass der Geist einer strengen Ge-
setzmässigkeit früh bei den Aegyptern heimisch wurde.

Ohne Zweifel waren aber in der natürlichen Anlage jenes merkwür-
digen Volkes die Keime enthalten, welche unter dem entwickelnden Ein-
flüsse jener äusseren Bedingungen zu so charakteristischer Gestalt sich
erschlossen.. Man darf annehmen, dass in vorgeschichtlicher Zeit das Volk
der Pharaonen über die Landenge von Suez, jene Völkerbrücke, auf welcher
Jahrtausende hindurch Asiens und Aegyptens Stämme feindlich wie friedlich
hinüber und herüber strömten, aus vorderasiatischen Sitzen in das reiche
Nilthal hinabstieg, die Eingebornen theils unterjochte, theils verdrängte
und den Grund zur ägyptischen Nation mit ihrer durchaus eigenthüm-
lichen Kulturentfaltung legte. Der Charakter dieses Volkes war ein völlig
abgeschlossener, isolirter, und so wunderbar der heimische Strom von allen
andern Strömen der Welt sich darin unterscheidet, dass er auf seinem
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