Lübke, Wilhelm
Grundriss der Kunstgeschichte — Stuttgart, 1864

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ERSTES KAPITEL.
Die griechische Kunst.

1. Land und Volk.

In den breiten Ländergebieten des Orients traten uns, meistens vom
Laufe grosser Ströme bedingt, Kulturformen entgegen, die schon durch
ihre andauernde Stabilität und ITnveränderlichkeit uns fremdartig anmutheten.
Der erste Schritt, mit dem -wir den europäischen Continent betreten, bringt
nns in eine neue Welt voll Beweglichkeit und frischen geschichtlichen
Lebens, wo wir uns alsbald heimathlich berührt fühlen. Erst die Griechen
gewähren uns das Bild einer eignen inneren Entwicklung, eines mit freiem
Bewusstsein sich entfaltenden nationalen Lebens. Wenn jene orientalischen
Völker in ihrer eng beschränkten Kulturrichtung nur für die geschicht-
liche Betrachtung von Interesse sind, so haben die Griechen dagegen eine
absolute Höhe der Bildung erreicht, welche für alle Zeiten ein bewunderns-
würdiges Vorbild, eine unerschöpfliche Quelle für jedes höhere Streben sein
wird. Obwohl durchaus national, ist doch ihr ganzes Geistesleben ein so
hohes, von so allgemein menschlicher Bedeutung erfülltes gewesen, dass
es für die gesammte Entwicklung aller folgenden Zeiten die unzerstörbare
Basis ausmacht und dass im ewigen Kampfe des Schönen und Wahren
mit seinem Gegensatz, das Griechenthum allen Verfechtern des Erstem
wie eine Athene Promachos siegreich voranschreitet. Erwägen wir nun,
dass der griechische Volksstamm nur ein Zweig jener grossen Völkerfamilie
Asiens war, von der die Inder und Perser abstammten, dass dieses ver-
wandtschaftliche Verhältniss durch das Zeugniss der Sprache unwiderleglich
beglaubigt wird, so liegt die Frage nah, wodurch es gekommen sei, dass
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