Lübke, Wilhelm
Grundriss der Kunstgeschichte — Stuttgart, 1864

Page: 278
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278 Drittes Buch. Die Kunst des Mittelalters.

verwilderte Ornamente gesellen sich zu dieser an sich schon überaus bunten
Massenentwicklung und vermischen sich im Laufe der Zeit mit den Bau-
formen des abendländischen Mittelalters und später mit den Details der
italienischen Renaissance zu einem tollen architektonischen Quodlibet. Das.
gepriesene Hauptwerk ist die 1554 erbaute Kirche Wasili-Blagennoi zu
Moskau, aus deren niedrigem Körper eine Unzahl von Kuppeln und Thürmen,
»wie ein Knaul glitzernder Biesenpilze« aufragt.

In der russischen Kirche wird sodann auch bis auf den heutigen Tag
ein starker Verbrauch von religiösen Bildern gemacht, die in geistloser
Art die byzantinischen Schablonen unabänderlich kopiren und von deren
braunen, zähgemalten, monotonen Werken man mancherlei in Museen,.
namentlich in der königlichen Galerie zu Berlin, antrifft.

DRITTES KAPITEL.
Der romanische Styl.

1. Charakter der romanischen Epoche.

Aus der Brandung der Völkerwanderung, die den morschen Bau des
römischen Reiches zerschlagen hatte, wTar, nachdem die Fluth sich ver-
laufen, das Prankenreich zu besonderer Bedeutung aufgestiegen und hatte
unter Karl d. Gr. die Stellung einer neuen Weltmacht, eines wieder er-
standenen Cäsarenreiches gewonnen. In ihm wurden die letzten Beste der
antiken Kultur gesammelt und als Keime für weitere Entwicklungen ge-
rettet. Die barbarisch verwilderte Menschheit des Abendlandes lernte sich
einem staatlichen Gesetze fügen und den alten Kulturformen anbequemen.
Aber zu einem schöpferischen Neugestalten, zu einem frischen Kulturleben
konnte es fürs Erste nicht kommen, weil mit der schon stark verblassteir
antiken Tradition die rohe, aber frische Kraft der nordischen Nationen
nicht innerlich verschmelzen konnte. Das Zerfallen des karolingischen
Beiches begründete daher erst die neue Epoche. Der germanische Geist
reagirte gegen die nach römischem Vorbild geschaffene Keichseinheit, und
von nun an begann jene Kulturentfaltung, die man im engeren Sinne des
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