Lübke, Wilhelm
Grundriss der Kunstgeschichte — Stuttgart, 1864

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42 Erstes Buch. Die alte Kunst des Orients.

DRITTES KAPITEL.
Die Kunst des westlichen Asiens.

A. PHÖNIZIER UND HEBRÄER

An dem schmalen Küstenstrich, mit welchem westwärts das asiatische
Festland sich gegen das Mittelmeer öffnet, hausten schon im zweiten Jahr-
tausend v. Chr. die Phönizier, x ein Volk semitischer Abstammung, das
auf seinen frühzeitig begonnenen Seefahrten an allen Küsten dieses Binnen-
meeres, in Griechenland und den dazu gehörigen Inseln, auf Sicilien, an
der afrikanischen und spanischen Küste Handelsemporien und Colonien
gründete, ja selbst über die seinem Unternehmungsgeist zu engen Grenzen
dieses Kreises bis in den Atlantischen Ocean nach den britannischen Ge-
staden vordrang. Nicht der Trieb nach Eroberung und Staatenbildung,
nur der Drang nach Handel und Erwerb war das leitende Element bei
diesen kühnen Seefahrten. Er machte die Phönizier zu den Verbreitern
der westasiatischen Kultur. Ihre berühmten Städte Tyrus und Sidon, in
der Mitte zwischen dem Orient und Occident gelegen, waren die Central-
punkte des Welthandels, die Stapelplätze der reichen Kulturprodukte des
gesammten asiatischen Continents.

Die phönizische Kultur ist eine wesentlich kaufmännische, industrielle.
Wir finden die sidonischen Männer früh im Besitze des Geheimnisses der
Purpurfärberei und der Glasfabrikation, im eifrigen Betriebe des Erzgusses
sowie der künstlichen Verarbeitung edler Metalle. Vieles, namentlich die
Weberei und Wirkerei, lernten sie von den Babyloniern, von denen sie
auch Maass und Gewicht annahmen und den Völkern des Westens mit-
theilten. Was bei Homer von kunstreichen Werken des Luxus erwähnt
wird, stammt in der Eegel von „sidonischen Männern." Ein selbständiges
iöheres Kunstschaffen scheint dem acht kaufmännischen Volke dagegen
fremd geblieben zu sein. Allerdings werden sie als Bauverständige ge-
rühmt, und selbst die Prachtbauten der benachbarten Hebräer werden
durch phönizische Baumeister ausgeführt; allein eine selbständige, höher
entwickelte Form scheinen dieselben um so weniger gehabt zu haben, als
die Erwähnung hölzerner und eherner Säulen, getäfelter Decken von Cedern-
holz und prachtvoll schimmernder Goldbekleidung der Wände sich durch-
aus auf babylonische Einflüsse zurückführen lässt. Das Wenige, was von

1 F. C. Movers, das phönizische Alterthum. Berlin 1849. — E. Gerhard, über die Kunst der
Phönizier, In den Schriften der Akademie der Wissenschaften. Berlin 1846.
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