Lübke, Wilhelm
Grundriss der Kunstgeschichte — Stuttgart, 1864

Page: 373
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Kapitel IV. Der gothisohe Styl. 1. Charakter der Epoche. 373

vielen reihenweise geordneten Heiligen, grossartig, noch in byzantinischer
Haltung, aber voll Schönheit und Holdseligkeit. An der andern Seite sind
in kleinen Figuren Scenen aus der Leidensgeschichte Christi dargestellt,
von denen wir die schöne Gruppe der Frauen geben, die zum Grabe des
Herrn wallen. Bei strenger Erhabenheit des Styls vereinigen sich hier
ernste Gedankenfülle, edle Schönheit und leidenschaftliche Gewalt zu
wunderbar ergreifendem Ausdruck. Die italienische Malerei hat schon hier
eine Lebenskraft erreicht, für die in der Folge keine Stufe der Vollendung
zu steil und unersteigbar war.

VIERTES KAPITEL.

Der gothische Styl.

1. Charakter der gothischen Epoche.

In der letzten Epoche des romanischen Styls sahen wir eine geistige
Bewegung sich vorbereiten und immer breiter sich entfalten, die aus dem
strengen Kreise der Ueberlieferung zu neuen freieren Formen zu gelangen
strebte. Nachdem der germanische Geist sich die christliche Tradition und
die antiken Bildungsgesetze assimilirt hatte, musste wohl seine eigene
Selbständigkeit sich immer kühner entwickeln und in originellen Formen
zum Ausdruck kommen. Wohl hielt eine Zeitlang die Strenge hierarchischer
Tradition diese freieren Kegungen in Banden, und das priesterliche Gesetz
im Gewände antiker Ueberlieferung beherrschte alle Aeusserungen des
Lebens. Aber einmal erwacht und seine eigne Kraft empfindend, liess
der germanische Freiheitsdrang sich nicht ferner fesseln, durchbrach die
Strenge der Tradition und gab dem Leben und der Kunst eine neue
Wendung.

Dieser Umschwung macht sich um den Beginn des 13. Jahrhunderts
zuerst mit Nachdruck geltend, aber er kommt nicht überall mit gleicher
Entschiedenheit und Schnelligkeit zum Durchbruch. So lange es gegolten
hatte, die christliche und antike Ueberlieferung dem germanischen Geiste
einzuimpfen, war Deutschland, ohnehin unter der Herrschaft kräftiger
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