Weinfurter, Stefan [Oth.]
Stauferreich im Wandel: Ordnungsvorstellungen und Politik in der Zeit Friedrich Barbarossas — Mittelalter-Forschungen, Band 9: Stuttgart, 2002

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THEO KOLZER

Der Hof Friedrich Barbarossas und die Reichsfürsten

Unser heutiges Thema steht im Zentrum mittelalterlicher Verfassungsgeschichte1.
Gleichwohl verschwimmen bei näherem Hinsehen die Konturen seiner einzelnen
Komponenten. Was der Hof ist, wußten die älteren Verfassungshistoriker ziemlich
genau; wir versuchen es seit geraumer Zeit neu zu klären, weil uns vieles nicht
mehr so klar ist wie noch im wilhelminischen Deutschland. Ähnliches gilt für Juli-
us Fickers fragmentarisches Bild »Vom Reichsfürstenstande«, mit dem sich zuletzt
der 12. Tag der Landesgeschichte 1985 in Hannover beschäftigt hat. Zudem schei-
nen wir offenbar auch gar nicht genau zu wissen, wer Barbarossa war: Auf einer
jüngeren Reichenau-Tagung hat man von einer »Chiffre« gesprochen, die für das
eingesetzt werde, was die Quellen mit diesem Namen verbinden.
Gleichwohl hat der Diskutant eingeräumt, daß es diesen Herrscher wirklich
gab, wenn auch stets zu prüfen sei, »ob, wenn wir >Barbarossa< sagen, dies wirk-
lich immer Friedrich I. ist«. Trotz dieser sibyllinischen Aussage ist unser Thema
damit wenigstens zeitlich festgelegt: Wir sprechen über die zweite Hälfte des
12. Jahrhunderts und beziehen gelegentlich auch noch die kurze Regierungszeit
Heinrichs VI. mit ein.
Mit der Komponente >Hof< wird es schwieriger: Das Handwörterbuch zur
deutschen Rechtsgeschichte etwa läßt uns völlig im Stich, das Lexikon des Mittel-
alters spricht unter den Stichwörtern >curia regis< und >Hof< nur teilweise von den
Dingen, die uns heute beschäftigen sollen. Hilfe finden wir bei der üppigeren Li-
teratur zu den Hof- bzw. Reichstagen, und da heißt es etwa:
»Der [Hofjtag war zunächst nur eine Erweiterung des königlichen Hofes, der
ohne feste Residenz im Reiche seit Jahrhunderten von Pfalz zu Pfalz zog. Wech-
selnd wie der Aufenthalt des Königs war seine nächste Umgebung; denn diese be-
stand außer den verhältnismäßig wenigen Personen, die seine stetige Begleitung
ausmachten, doch fast stets nur aus einigen Großen jener Provinz, in welcher er ge-
rade weilte. Mit seiner unmittelbaren Umgebung erledigte der König die gewöhn-
lichen, laufenden Obliegenheiten seiner Stellung, sein Hof war der Mittelpunkt der
Regierung. Curia, aula, curtis regia sind die für ihn gebräuchlichsten Bezeichnun-
gen. Diese gelten zugleich auch für die am Hofe tagenden Versammlungen«.
Was so modern anmutet, ist nicht etwa ein Zitat aus einer neueren Verwal-
tungsgeschichte, sondern stammt - bis auf den eigenmächtig interpolierten »Hof-
tag« (statt »Reichstag«) - von Carl Wacker (Leipzig 1882).
Viel weiter als Wacker sind wir heute, mehr als hundert Jahre später, kaum,
denn der früh- und hochmittelalterliche Königshof als Zentrum monarchischer

1 Eine ältere Fassung mit ausführlichen Belegen und Karten ist seit Jahren im Druck, weshalb im
Anhang nur die im Text genannte Literatur geboten wird.
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