Gramsch, Robert
Das Reich als Netzwerk der Fürsten: politische Strukturen unter dem Doppelkönigtum Friedrichs II. und Heinrichs (VII.) 1225 - 1235 — Mittelalter-Forschungen, Band 40: Ostfildern, 2013

Seite: 79
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1.3. Gegenstand und Vorgehensweise dieser Untersuchung

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denn, so schrieb treffend Arnold Esch, „eben das Fatale hat die höhere Überlieferungs-
Chance".^ Auch ist es für das Verständnis eines Gesamtszenarios gar nicht erforderlich,
alle konfliktischen Verhältnisse zwischen Akteuren zu kennen, da - man vergleiche
das Nibelungenbeispiel - oft schon eine einzige Konfliktdyade über die Verhaltensten-
denz nahestehender Akteure entscheidet. Zur Dauerhaftigkeit konfliktischer Dyaden ist
anzumerken, dass hier im Gegensatz zu den vorgenannten Kategorien ein „Verjährungs-
konzept" nicht sinnvoll, aber auch nicht nötig ist. Ein Konflikt, so er real ist, „verjährt"
nicht. In aller Regel lassen sich aber Konflikte zeitlich gut eingrenzen.^ '
Zusammenfassend ist festzustellen, dass es durchaus möglich erscheint, allgemeine
Klassen von im weitesten Sinne politischen Ereignissen und Tatbeständen zu definieren,
welche sich im Einklang mit dem Forschungsstand regelgeleitet in abstrakte Verflech-
tungstatbestände übersetzen lassen. Die Komplexitätsreduktion historischer Wirklichkeit,
die mit dem Aufbau einer Datenbank unvermeidlich einhergeht und die im ungünstigs-
ten Falle historische Erkenntnis unmöglich macht/'^ dürfte somit im vorliegenden Falle
vergleichsweise wenig problematisch sein. Dies gilt umso mehr, als die Datenbank dank
ihrer hybriden Struktur - der Verbindung computerlesbarer Formeln mit klassischen
Regesten - den Bearbeiter jederzeit den konkreten historischen Gehalt des netzwerkana-
lytisch Abstrakten vor Augen führen und somit seine Erkenntnis an den historischen
Gegenstand rückbinden kann.

1.3.3. Geschichte als netzwerkdynamischer Prozess: zum Forschungsdesign
Mit der Fertigstellung der Datenbank ist die Basis für die nachfolgende computerge-
stützte Auswertung der gesammelten Verflechtungsdaten gelegt (siehe dazu nochmals
Abbildung 10, Seite 64). Die sequentiell in Datensätzen gespeicherten „nackten" Ver-
flechtungstatbestände sind hierzu zunächst in eine Soziomatrix zu übertragen, in der
jeweils alle (aktiven) Dyaden für ein gegebenes Set von Akteuren zu einem bestimmten
ARNOLD EscH, Überlieferungs-Chance und Überlieferungs-Zufall als methodisches Problem
des Historikers, in: HZ 240 (1985), S. 529-570, hier: S. 541. Positive Bindungen werden
in der Regel nie so intensiv wahrgenommen wie negative - wahrnehmungspsychologisch
im Sinne der kognitiven Balance leicht erklärbar, da erst negative Dyaden nichtbalancierte
Verhältnisse schaffen und die Umwelt der Konfliktpartner zur - expliziten und damit gehäuft
quellennotorisch werdenden - Stellungnahme zwingen (siehe Kap. 1.2.2.). Siehe auch EscH,
ebda., S. 547 in Anspielung an Brecht: „Caesars Koch hatte keine sehr große Chance, in eine
historische Quelle zu kommen - es sei denn, er täte das Unerhörte und vergifte(te) Caesar."
Wegen seines hohen Ressourcenverbrauchs endet ein Konflikt zumeist schnell. Die oben
genannten Gründe, die für eine hohe Überlieferungschance von Konflikten sprechen, wir-
ken auch zugunsten der Überlieferungschance von Kon fl iktbeend igu ngen. Doch auch da,
wo wir nur ein Datum - den Anfang, ein herausgehobenes Ereignis oder das Ende eines
Konflikts - kennen (letzteres dann, wenn überhaupt nur ein Friedensvertrag vorliegt), lassen
sich, ausgehend von inhaltlichen Erwägungen über den Ko n fl i ktgege n sta n d und weitere
Konflikt um stände, in der Regel recht genaue Plausibilitätserwägungen über die zeitliche
Ansetzung anstellen. Massive Probleme sind hierbei jedenfalls nirgends aufgetreten, zumal
solche herausragenden Ereignisse auch immer das Urteil der Forschung herausgefordert
haben.
212 Vgl. dazu die grundsätzlichen Bemerkungen bei ROBERT GRAMSCH, Erfurter Juristen im
Spätmittelalter. Die Karrieremuster und Tätigkeitsfelder einer gelehrten Elite des 14. und
15. Jahrhunderts (Education and Society in the Middle Ages and Renaissance, 17), Leiden /
Boston 2003, S. 21.
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