Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 8.1909

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BRUNO PAUL
VON PAUL KLOPFER-STUTTGART

Von Bruno Pauls Arbeiten dürfen wir uns fragen:
braucht es, um solche Sachen liebzugewinnen,
einer Erziehung des Publikums? Nein! Man wollte
uns erziehen, etwa ein Essbesteck von Van de
Velde, einen Stuhl von Pankok als Kunst schätzen
zu können — aber den Schöpfungen Bruno Pauls
standen wir seit je — seitdem wir ihnen zum
erstenmal auf den Ausstellungen begegneten - als
Freunde, als Vertraute, als Teile ihrer selbst, möchte
ich fast sagen, gegenüber. V
V E)as ist das erste Wesentliche an Pauls Kunst,
dass sie tatsächlich unsere Zeitgenossin ist.
Was hätte es auch für einen Wert, wenn ein Kunst-
gewerbler eine „Kunst von morgen“ ahnen oder
bringen wollte und mit ihr unser Gewerbe infizieren?
Bruno Pauls Kunst ist in uns, ist mit uns aufge-
wachsen, noch als wir im Zeitalter schrecklichster
Pseudo-Möbelei schmachteten, uns unbewusst-—-
und nun steht sie vor uns, als ob sie nie anders
hätte sein können, bodenständig im weitesten Sinne,
also irdisch, und: zeitständig. V
V Das zweite wesentliche und erzieherische Moment
in Pauls Können ist die feine Art, wie hier
Kunst und Gewerbe sich vermählen, in-
einandergreifen und wachsen und ein Ganzes wer-
den, ein Ganzes, das weit über den Boden des
Vaterlandes hinaus wirkt durch die Kraft seiner
überzeugenden Gestalt und seiner Vitalität. Es ist
da „nichts verzierlicht und nichts verwitzelt“. V
V Und doch kann man dabei auch wieder nicht
von Anonymität im Paulschen Schaffen reden, denn
der Künstler steckt ebenso tief in seinen Schöpfun-
gen, als etwa van de Velde oder Pankok oder
Riemerschmid in den ihren stecken. Im Gegen-
satz zu Riemerschmid im besondern fehlt Bruno
Paul das rustik-derbe, sozusagen das „hölzerne“.
Den Möbeln Pauls fühlt man im Grunde nichts
hölzernes an — das still Vornehme breitet sich
darüber, bildet mehr Fläche als Umriss, und be-
lebt die Fläche mit einfach - feinen Intarsien, und
unterhält das Auge durch zartes Rankenspiel, oder

durch die Maserung der polierten Holzfläche, oder
durch die Farbe und Struktur des Materials selbst.
So arbeitet der Künstler recht von innen heraus,
dabei nicht zärtlich modisch-biedermeierlich, son-
dern zweckecht in jedem Stück und in jedem Mate-
riale. Da, wo er Farben bringt, sind es koloristische
Gespräche, feine Unterhaltungen, aber keine Fest-
gesänge und Trompetenstösse, die den Bewohner
meistern wollen. V
V Die Münchner Vereinigten Werkstätten,
die seit je seine Arbeiten ausführen, verstehen den
Künstler. Dieses Verdienst der Werkstätten mag
hier besonders hervorgehoben werden, die bis ins
Kleinste und Feinste sich hineinzufühlen gelernt
haben in die Absichten und in die Weise des
Meisters; die die grosse Zahl verschiedenartigster
Aufträge tadellos auszuführen vermögen, dank
eines raffiniert maschinellen und handwerklichen
Betriebs. V
V Als drittes und letztes Moment in Pauls Schaffen
muss ich im besonderen jener Gediegenheit
gedenken, die seine Arbeiten durchdringt. Diese
Gediegenheit macht wohl einen Teil seines Wesens
überhaupt aus. Eine Solidität, die Pauls Arbeiten
mehr als andere für den Export eignet, oder etwa
auch für Räume, die im Schiff oder im Bahnwagen
den Gesetzen der Sauberkeit und Festigkeit — bei
aller Eleganz! — in gleicher Weise unterstehen.
V Solide Eleganz: — ein Widerspruch noch in
manchem Kopfe! Bruno Pauls Schöpfungen geben
die Lösung. Der Begriff des Zierlichen, Zappeligen,
Unfesten kommt an diesen Möbeln nicht auf — aber
auch das Schwere, wo es schwer sein muss, ent-
behrt nicht der Eleganz, die das Individuelle
Bruno Pauls seines Schaffens bedeutet, die uns so
anzieht, uns so imponiert, und uns beweist, dass im
Kunstgewerbe die Kunst eben nicht von aussen
hereingebracht werden kann, sondern wie jede
Bildung überhaupt von innen herauswächst. Ein
Glück, dass Bruno Paul sich einer unserer grössten
Kunstgewerbeschulen angenommen hat. y

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