Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 8.1909

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™ MODERNE BAUFORMEN
t l MONATSHEFTE FÜR ARCHITEKTUR
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DIE ORTSGRUPPE KIEL DES B. D. A.

Es ist nur natürlich und wohl auch ganz im Sinne
des Bundes Deutscher Architekten, dass sich
in seinem Bannkreis Landsmannschaften und Orts-
gruppen bilden, die bei allem Sinn für den Fortschritt
doch das Kolorit der Heimat pflegen und heben
wollen. Die im besten Sinne des Wortes „ortsüb-
liche“ Form und das dem Lande abgewonnene Mate-
rial spielen hier besondere Rollen, die noch durch
die persönliche Note des Schaffenden mehr oder
weniger vertieft und aus dem Grossen und Übrigen
herausgehoben werden können. V
V Denn das verbietet ja das noch so feste Zu-
sammenschliessen von tüchtigen Kräften zu einer
Ortsgruppe nicht. Im Gegenteil: das Vergleichen
und Messen mit den andern spornt an das Neben-
einanderstellen der Formen, Farben und Bilder
veranlasst eine Diskussion, die sicher zum Nach-
denken anregt. V
V Die Aufgaben der Ortsgruppe bewegen sich fast
alle im Rahmen der Wohnbaukunst, grössere und
umfassendere Ideen bieten noch einige Wettbewerbs-
entwürfe. Die Kieler Wohnbaukunst, wie sie uns
aus dem Schaffen der B. D. A. Ortsgruppe anspricht,
macht den Eindruck einer grossen Solidität. Der
kräftig-farbige Backstein, die weissen Fensterrahmen,
der hohe Giebel unter dem Ziegeldach tritt uns,
wenn wir von ein paar Nachklängen aus der Urväter-
zeit absehen, zunächst wohltuend-landschaftlich-echt
entgegen. Ernst Prinz hat im Landhaus Baasch
(mit interessantem Grundriss) und im Wohnhaus
Schlotfeldt anmutige Kompositionen gegeben, auch
Richard Jansen, dessen Grundrisse vor allem
durch eine gewisse Grosszügigkeit imponieren, be-
wegt sich sicher auf dem Gebiet des Landhausbaues.
Als Schüler Olbrichs dokumentiert sich mitten in
diesen Heimatschöpfungen nun Jochem, dessen
feine Hand seit Jahren der Architektenwelt bekannt
ist. Das Dekorative überwiegt bei ihm da und dort
das rein Architektonische. Alles aber, was Jochem

schafft — auch das outrierte — ist im Grunde doch
Lehrstoff, Experiment, auf jeden Fall ein Suchen
und ein Sichaussprechen mit Formen und Kon-
struktionen. Sein Klubhaussaal kommt mir beson-
ders glücklich erfunden vor. V
V Auch in besonderer Stellung — aber Jochem
diametral gegenüber — hatJ.Theede im Gebäude
der Holstenbankfiliale geschaffen. An Kraft der
Gliederung ist selten im Backsteinprofanbau der
neueren Zeit ähnliches geleistet worden. Die kräf-
tigen Pfeilerbündel mit den geschlossenen Figuren-
gruppen (als Kapitäle!) sind vorbildlich. Warum ist
nicht versucht worden, im gleichen Kolorit die
Volksschule in Gaarden bei Kiel zu behandeln?
Gerade hier wäre etwas anheimelnd Heimatliches
erfreulich gewesen, erfreulicher, als wenn den Ein-
flüssen der Münchner nachgegeben wird. Gerade
Theede scheint mirüber einen reichen Schatz grosser
Formen zu verfügen. Das Haus der Loge Alma, wie
das vorgenannte Geschäftshaus sprechen beredt hier-
von. Dem Logengebäude liegt zunächst ein klassi-
zistischer Zugzugrunde — auch im Grundriss — aber
ist dies zu bemängeln? Nein! Der Eklektizismus in
neuzeitlichemSinne ist am Ende doch das, auf das mit
Vollbewusstsein unsere Kunst hin will, ist das, was
Stuck, Kreis, Schumacher, Thiersch und alle die
Grossen in der Kunst unserer Tage schon in sich
aufgenommen haben. Auch Theede ahmt nicht
nach, sondern weiss das Erfasste und Erlebte als
Original zu geben. Die Ornamentik mag hiezu
besonders beitragen, aber auch ohne sie würde
der Aufbau modern ansprechen. V
V Und so sehen wir: das Heimatliche der Kieler
Kunst, das ab ovo drinnen steckt, wird vielleicht
bis auf Jochem von jedem der B. D. A.-er emp-
funden — und doch anders gegeben: Material und
Form, Konstruktion und gute Überlieferung erlauben
Variationen, die bei aller Hochachtung für Ben Akiba
immer noch als Originalitäten anzusprechen sind.
P. KLOPFER

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