Panofsky, Erwin ; Saxl, Fritz
Dürers "Melencolia I": eine quellen- und typengeschichtliche Untersuchung — Teubner, 1923

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DAS MITTELALTER

DIE MELANCHOLIE

Die Folgezeit — schon die Zitate Ciceros beweisen es1) — hat
zunächst aus der langen Auseinandersetzung des Aristoteles haupt-
sächlich das herausgehört, was das überraschendste und doch zugleich
das unmittelbar überzeugendste war: den Satz, daß alle großen Men-
schen Melancholiker gewesen seien. Dieser Satz ist auch dem Bewußt-
sein des Mittelalters durchaus nicht entschwunden: im Gegenteil, zahl-
reiche Scholastiker überliefem und vertreten ihn, Albertus Magnus2)
ebenso wie Alexander Neckham, der große Engländer des 12. Jahr-
hunderts3); und einer der bedeutendsten von ihnen, Wilhelm von
Auvergne, versucht ihn sogar in einer sehr bemerkenswerten Weise
christlich-moralisch zu begründen wobei jedoch, echt mittelalterlich,
der Nachdruck nicht mehr so sehr auf die Befähigung zu besonderen
Leistungen, als auf die Sicherheit vor Anfechtungen gelegt wird:
das eben sei ein Vorzug des melancholischen Menschen und der Grund
für seine geistige Überlegenheit, daß seine Veranlagung ihn abziehe
von körperlichen Vergnügungen und weltlichen Wirren4); ja selbst der
ausgesprochene melancholische Wahnsinn wird beinahe als ein Gna-
dengeschenk begrüßt, da er die menschliche Seele gleichsam schon im
Diesseits von den Versuchungen des irdischen Daseins befreie: „er
habe schon viele fromme Männer die ,melancholische Erkrankung' aufs
innigste herbeiwünschen hören, weil sie die geistlichen Güter unver-
lierbar sicherstelle.“5)

1) Tusc. quaest. I, 33 und de Divinatione I, 38. Zitat u. a. bei Endres, Die
christl. Kunst, IX, 1913 (mehrere Fortsetz.). An der zuzweit genannten Stelle wird
dem Melancholiker „aliquid praesagium atque divinum“ zugesprochen.

2) Zitiert bei Giehlow, a.a.O. 1904, p. 61.

3) De naturis rerum (ed. Th. Wright, 1863) VII, p. 42. Neckham kleidet die
Aristotelische Behauptung sogar .in eine besonders exklusive Form: „Aristoteles,
qui dicit solos melancholicos ingeniosos esse“.

4) Guilielmus Parisiensis, de universo (Opera omnia, Paris 1674, Tom. I,
p. 1054, verdruckt in 1044): „magis abstrahit [sc. complexio melancholica] a
delectationibus corporalibus et a tumultibus mundanis.“

5) A. a. O. p. 769: ,,De ipso etiam malo furoris dico, quod plerumque,
immo semper, valde utile est furiosis: sive enim boni et iusti sint, cum in furorem
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