Panofsky, Erwin ; Saxl, Fritz
Dürers "Melencolia I": eine quellen- und typengeschichtliche Untersuchung — Teubner, 1923

Page: 139
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VII. Anhang. D. nachdürerischen Melancholiedarstellungen biszum XVII.Jahrh. 139

Eindruck, als für die exakt-perspektivische Rekonstruktion als ein
abgestumpfter Rhomboeder dar, in dessen ergänzten
Seitenflächen die Diagonalen sich nicht wie i: i, sondern
e t wa w i e I o: 12 v e r h a, 11 e n, u n d d ie Wi n k e 1 n i c h t j e 90 °, s o n -
clern etwa 800 bzw. etwa ioo° betragen.1)

VII. ANHANGr

DIE NACHDÜRERISCHEN MELANCHOLIE-
DARSTELLUNGEN BIS ZUM XVII. JAHRHUNDERT

Die nachdiirerischen Melancholiedarstellungen lassen sich ein-
teilen in solche, die von Diirers Kupferstich unabhängig sind, und in
solche, die in der einen oder anderen Weise den Einfluß desselben ver-
arbeiten.

Zu der ersten Kategorie gehören zunächst einmal diejenigen Dar-
stellungen, in denen die Typen der populären Kalender und Planeten-
bücher so gut wie unverändert weiterleben, wie etwa die Schäuffe-
leinfolge (Abb. 44), in der der „Melancholiker“, in Übereinstim-
mung mit einem weitverbreiteten Saturntypus, alsStelzfuß erscheint2),

1) Mit dieser Feststellung ist der Spekulation, die sich neuerdings an die
vermeintliche Würfelgestalt des Dürerischen Polyeders angeknüpft hat (F r. Aug.
Nagel, der Kristall auf Diirers Melancholie, 1922), von vornherein der Boden
entzogen. Sie hat auch sonst wenig Überzeugendes. Denn der Verfasser hat, durch
jene vermeintliche Wiirfelgestalt verleitet, sich den Weg zu einer haltbarcn
Deutung dadurch selber versperrt, daß er sie, anstatt auf die Begriffe ,,Melan-
cholie“ und ,,Saturn“, auf den viel zu engen Begriff der ,,Architectura“ auf-
zubauen sucht und demgemäß alle Inventarstücke des Stiches als Architektenwerk-
zeuge auffaßt — auch da, wo es schlechterdings unmöglich ist: daß im 16. Jahr-
hundert eine Spritze von dieser Gestalt zum Instrumentarium des Bauhandwerkers
gehört habe, wird kaum zu erweisen sein, und der so oft diskutierte Gegenstand
links oberhalb der Kugel ist wirklich ein Tintenfaß nebst Federhiilse, und mit-
nichten ein Senkblei; oder sollte auch der Evangelist Johannes, den Dürer auf dem
Holzschnitt B. 60 und auf dem 14. Blatt des Maximilianischen Gebetbuchs mit
einem genau identischen Gegenstand dargestellt hat, sich mit einem Senkblei ver-
sehen nach Patmos begeben haben ? Noch sei bemerkt, daß die auf der Zeich-
nung D. 134 flüchtig skizzierten Tiere mit dem Programm des Melancholiestichs
offenbar nichts zu tun haben (der Vierfiißler ist übrigens kein Hund, sondern ein
Fuchs, vgl. die Zeichnungen L. 364 und L. 460, und der Vogel hat ebensowenig
einen ,,lahmen Flügel“, wie die Vögel auf Blatt 19 und 49 des Gebetbuchs); es
handelt sich um Skizzen, die sich viel eher aus Dürers gleichzeitiger Beschäfti-
gung mit den an Tierdarstellungen so reichen Arbeiten für Kaiser Max erklären
lassen möchten.

2) Eine ähnliche Übereinstimmung zwischen dem Bildtypus des Melancho-
likers und dem des Saturn, dessen Kind er ja ist, begegnete uns bereits in de,r
Tiibinger Handschrift (Abb. 19). — Daß cler Saturn als Stelzfuß, d. h. als Krüp-
pel, dargestellt wird, dürfte mit seiner Entmannung zusammenhängen, die
dann durch eine sichtbarere und zugleich unverfänglichere Entstellung ersetzt
worden wäre.
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