Panofsky, Erwin ; Saxl, Fritz
Dürers "Melencolia I": eine quellen- und typengeschichtliche Untersuchung — Teubner, 1923

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DÜRER

DER KUPFERSTICH „MELENCOLIA I“ UND FICINO

Ficinos Briefwechsel — dem die soeben angeführten Tatsachen
zum großen Teil entnommen sind — ist im Jahre 1497 bei Dürers
Paten Koberger gedruckt worden (knappe drei Jahre nach der Floren-
tiner Erstausgabe), und auch die drei Bücher „de Vita“ haben in Deutsch-
land schnell und intensiv gewirkt.1) Es ist daher durchaus wahrschein-
lich, ja wir dürfen es sogar seit Giehlows bahnbrechender Arbeit als
sicher betrachten, daß auch Dürers Kupferstich der neuen florentini-
schen Melancholie- und Saturn-Auffassung Rechnung trägt.2) Erinnern
wir uns an jene Kalenderholzschnitte, wie sie der populären Vorstellung

1) Über die rasch aufeinanderfolgenden Ausgaben der deutschen Übersetzung,
in der allerdings das III. Buch, als ,,zu hoch zu verston“, fortgelassen ist, vgl. ins-
besondere Kahl a. a. O. p. 528 ff. Daß Peutinger, der sich bei einem Sturz £in
Kopfweh zugezogen hatte, Ficinos Libri de vita, und zwar im Urtext, konsultierte,
geht aus seinen handschriftlich erhaltenen Aufzeichnungen hervor: vgl. Cod.
Monac. lat. 4011, fol 8 r, 27 V, 36 r bis 37 v, 38 r/v, 39 V, 40 r, 41 r. Fol. 29 r/v
zitiert Peutinger eine umfangreiche Stelle aus Ficino, von dem er bemerkt: „nobis
dum viveret familiarem“. Fol. 36V heißt er „clarissimus Ficinus noster“.

2) Über ihre Nachwirkungen im Schrifttum des deutschen Plumanismus vgl.
Giehlow, a. a. O. und neuerdings Warburg, Heidnisch-antike Weissagung, p. 61 ff.:
Melanchthon und Jac. ab Indagine anerkennen (im Gegensatz zu Celtes) die hohe
Qualifikation der Melancholiker, halten aber die Temperierung des Saturn durch
den Jupiter oder andere Planeten für eine unumgängliche Vrorbedingung, während
Agrippa von Nettesheim — durchaus im Sinne Ficinos — die rein-saturninische
Melancholie mit großen Worten preist uii'd nur den Launen des Saturn gegen-
über deri Schutz der Amulette empfiehlt. Ähnlich geteilt sind die Ansichten in Ita-
lien, nur daß hier dem Anschein nach die rein-ficineske Anschauung das Über-
gewicht hat. Vgl. etwa (fast überall in wörtlicher Anlehnung an Ficino): Jovianus
Pontanus, De rebus coelestibus, 1512, IV, 6 (,,de atra bile“J, in der uns zugäng-
lichen Baseler Ausgabe von 1538 p. 121 ff.; Caelius Rhodiginus, Lectionum Anti-
quarum lib.IX, cap. 29 (Venedig, 1516, p. 455 ff.); Francesco Giorgi (Franciscus
Georgius), De harmonia mundi totius, Venedig, 1525, fol. XLVII v. uncl CXVI v.
Demgegenüber vertritt z. B. die Schrift „Antonii Mizaldi Monsluciani Planetologia“
(1551, p. 29ff.) den Standpunkt, daß der Saturn an sich ein Ungliicksplanet
sei, aber — den Giften vergleichbar —• durch richtige Temperation mit anderen
Gestirnen jene besonders begabten Melancholiker erzeuge, von denen Aristoteles
rede. — In der populäreren medizinischen und astrologischen Literatur hat sich
natürlich die neue Auffassung cles florentinischen Humanistenkreises nicht durch-
zusetzen vermocht.

Studien der Bibliothek Warburg, 2. Heft: Panofsky-Saxl

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