Panofsky, Erwin ; Saxl, Fritz
Dürers "Melencolia I": eine quellen- und typengeschichtliche Untersuchung — Teubner, 1923

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DIE FLORENTINER RENAISSANCE
DANTE

Diese grundsätzlich negative ßeurteilung, die der Saturn in der
abendländischen Astrologie des Mittelalters erfahren hat, schließt nun
naturgemäß nicht aus, daß man auch jetzt noch, genau wie dem Me-
lancholiker gelegentlich bestimmte gute Eigenschaften, so auch dem
Planeten des Melancholikers gelegentlich bestimmte günstige Wir-
kungen nachrühmte: ganz abgesehen von den oben angeführten Fäl-
len, in denen sich die Lehre von der prinzipiellen Doppelseitig-
keit der Planeteneinflüsse im allgemeinen und der Saturneinflüsse im
besonderen ganz unverändert erhalten hatte1), gilt der Saturn fast all-
gemein als das Gestirn der „Reichen“ (die allerdings, der finsteren
Natur ihres übrigen Charakters entsprechend, nichts von der Freigebig-
keit und Genußfähigkeit der Sol- und Jupiterkinder wissen, sondern
stets Geizhälse sind)2), getreu der arabischen Überlieferung wird seinen
Kindern häufig eine „profunditas consilii“ und eine Neigung zum Den-
ken nachgerühmt, und in einer in Cassel aufbewahrten deutschen Hand-
schrift vom Jahre 1445 heißt es sogar, daß der, der unter seiner „Uhr“
geboren sei, zu Weisheit und Ehre gelange und — unbeschadet seiner
sonstigen schlechten Eigenschaften — von edlen Leuten lieb gehabt
werde und der mächtigste unter seinen Freunden sei.3) Ja, selbst die

1) Siehe oben p. 14.

2) Belege siehe unten p. 56.

3) Cassel, Landesbibliothek, cod. astron. I, 2°, fol. Ö2r. Die Stelle bietet
Interesse genug, um eine gekürzte Wiedergabe zu rechtfertigen: „Dise ur Saturni
ist . . . nit gut wann was man wil ubels tun, darzu ist sy gerecht. Vnd dauon ist
darynn nit gut fur chinig vnd fürsten geen . . . Aber es ist dann gut gepew
grunthen vnd anheben tzu pawen die da lang sullen weren . . . Man vindt auch ge-
schriben wer in der ur Saturni geporn wirt, der werd weis vnd geert, vnd der
dann auch an seinem tag vund in seiner ur geporn werd, der werd einer hertten
swartzen Complexen die da haisset colica und wirt geittig vnd begert fremdes
gutz vnd wird ein achter (— geächteter) vnd verrätter vnd wurt doch (! )
von edeln lewtten lieb gehabt vnd der mächtigist vnder seinen
f r e u n d e n.“ Es ist ohne weiteres ersichtlich, daß die Anerkennung einzelner
positiver Saturnqualitäten, wie sie in einem solchen Text begegnen, unmittelbar auf
den Einfluß der spätantik-arabischen Quellen zurückzuführen ist, deren durch-
aus komplexer Charakter ja mit der an und für sich vorherrschenden Tendenz
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