Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

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Hercules Prodicius

„Heuchelei“1) verwandelt, ja selbst auf die Begriffe einer „echten und
falschen Bildung“ 2) übertragen. Nimmt man dazu das oft ganz ungeheuer-
liche Aufgebot von Hilfs- und Begleitfiguren3), sowie die Möglichkeit, den
ursprünglich moralischen Sinn der Synkrisis auf soziologisches, psycho-
logisches oder sogar ästhetisches Gebiet hinüberzuspielen4), so hat man
einen ungefähren Begriff von dem, was aus dem Thema alles werden
konnte.

Allein all’ diese Amplifikationen und Verwandlungen sind in unserem
Zusammenhang nicht von Bedeutung. Nur eine Veränderung ist auch
für uns von allergrößter Wichtigkeit: zu einem ganz bestimmten
Zeitpunkt und innerhalb eines ganz bestimmten Kultur-
kreises wird die „Tugend“ häßlich. Sie, die sich ehedem vom
„Laster“ nicht etwa durch geringere Schönheit, sondern nur durch grö-
ßere Schlichtheit unterschied, und die auf schmückende oder gar fäl-
schende Zutaten und auf verführerische Blicke und Gesten um so leichter
verzichten konnte, als ihre „echte Schönheit“5) das alles nicht nötig hatte6),
sie erscheint seit der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. bei einer Reihe
von Autoren als ein mageres und schmutziges Schreckgespenst: „ver-
wahrlost an Person und Kleidung“ (ev aüyfryjpw TcpoccoTrco xal TrsptßoX^)
wird sie bei Justinus Martyr genannt7), und „schmutzig und ver-
wildert“ (puTccoo-a xal au^pvjpa) heißt sie bei einem Rhetor der späteren

1) Dabei bat Themistius in höchst naiver Weise die Fiktion des Dio mit der alten
Xenophontischen Fassung verknüpft: zuerst begegnen dem Hercules die ‘HSovrj und die
5Ap£T7], und als er sich schon für die „Tugend" entschieden hat (womit die Sache eigentlich
zu Ende wäre), kommt diese auf den Gedanken, ihn unter Assistenz der ®p6vrjca<; noch nach-
träglich an die zwei Hügel zu führen, auf denen <J>iX(a und ‘ Y7ü6xpiai<; hausen. Immerhin
konnte auf diese Weise das von Dio vertauschte Verhältnis der beiden Wege wieder richtig-
gestellt werden.

2) So die in früheren Zeiten viel gelesene und unter anderm auch von Holbein illu-
strierte „Tabula Cebetis“ (vgl. Alpers, S. 43).

3) Dios „Tyrannis“ erscheint z. B. begleitet von 'DyoTTjC, "Yßpi?, ’Avopia, E-aaic,
KoXaxela, seine „Basileia" dagegen von Alx?], Eüvopia, Etpfjvr), Nopoi (vgl. Alpers, S. 48ff.
mit weiteren Beispielen).

4) Vgl. das berühmte Lukianische Streitgespräch zwischen „Bildung“ und „Bild-
hauerkunst“ und die Ovidische Auseinandersetzung zwischen „Elegie“ und „Tragödie“
(Amores III, 1).

5) So nach der Formulierung des Themistius: £U7)St)<; (in diesem Falle etwa mit
„hübsch“ oder „reizvoll“ zu übersetzen) piv 06, copala 8s, cxatJEvou xal äp/aloo yspouca
xaXXoi>£. Bei dem Rhetor Troilus (Rhet. Graec. VI, S. 52; Alpers S. 37) ist sogar nur
die „Tugend" schön, die „Wollust" dagegen eigentlich häßlich (ap,op<po?) und nur durch
Kunstmittel xexaXXco7uapsv7).

6) Vgl. die bei Alpers S. 52 zusammengestellten Prädikate cpuaixöv i^ouacc xäXkoq,
süpopcpo^, sÜYjSyc xal fzsydcAT], sucryfip-cov ISsiv usw.

7) Justinus a. a. O. (Alpers, S. 52). Der in den Tugendbeschreibungen dieser
„asketischen“ Gruppe ganz feste Terminus aüypvjpoi; kann bekanntlich sowohl „dünn,
mager“ als „staubig, schmutzig", als endlich ganz allgemein „verwahrlost, verwildert“
heißen. Die Deutung läßt sich nur aus dem Zusammenhang des Einzelfalles gewinnen.
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