Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

Seite: 68
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Hercules Prodicius

aber die harten Mühen mit seliger Ruhe („quieta sede“, „requiem“)
belohnt. — Mit andern Worten: wir sehen, daß der Versuch, das Persius-
Scholion und die pseudovirgilische Dichtung in eine Bildanschauung zu
übersetzen, gewissermaßen automatisch zu derjenigen Raumanlage führt,
die der Concertatio-Holzschnitt in seiner unbehilflichen Weise zur Dar-
stellung bringt, und für die mithin diese beiden an und für sich von der
Gestalt des Hercules ganz unabhängigen Texte zugleich die ausreichende
Erklärung und die notwendige Voraussetzung darstellen. Von hier aus
wird es verständlich, wenn der Holzschnitt der „Stultifera Navis“, im
Gegensatz zu allen anderweitigen Illustrationen der Herculesfabel, nicht
nur zu einer,,Zwei-Hügel-Anordnung'‘ gelangen und diese Hügel nach Höhe
und Beschaffenheit differenzieren konnte (man beachte auch die Kluft des
niedrigeren Voluptas-Hügels, in deren Richtung der Tod agiert, und die
wir doch wohl als eine Veranschaulichung des ,,praecipitat captos volvit-
que per aspera saxa“ deuten dürfen!), sondern auch mit einer unverkenn-
baren Absichtlichkeit die Y-Form des Weges zur Geltung bringt. Und es
ist wie eine Gegenprobe, wenn selbst die unmittelbaren Nachbildungen des
Concertatio-Schnittes, sofern sie die Vorlage nicht Linie für Linie ko-
pieren, ihr gerade in dieser Beziehung die Gefolgschaft versagen: mangels
einer Bekanntschaft mit den zugrunde liegenden Texten haben sie sowohl
von der Differenzierung der Hügel, als auch besonders von der Y-artigen
Führung der Wege teils gar nichts, teils nur noch eine vage Erinnerung
übrig gelassen (vgl. Abb. 36, 38).

IV.

So also hält die Herculesfabel ihren Einzug in die moderne Kunst:
thematisch an das Referat eines Kirchenvaters anknüpfend, in der ethi-
schen Grundauffassung bestimmt durch den Kontrast zwischen „Luxu-
ria“ und „Fraw Armut“1), und im Motivischen bedingt durch die Paris-
Darstellungen der höfischen Epenillustration und das in spätantiker Zeit
„verlandschaftlichte“ Pythagoräische Ypsilon.

Demgegenüber spüren wir in dem von JacobLocherfrei hinzugedich-
teten Streitgespräch einen ganz anderen, klassischen Geist. Freilich,

1) Ganz instruktiv ist die Beobachtung, daß das Titelblatt eines 1523 ohne Orts-
angabe erschienenen Pamphletes „Dialogus von zweien Pfaffenköchinnen, belangend den
Abbruch des Opfers . . (M. v. Hase, Johann Michael, genannt Michel Buchfüer, 1928,

Abb. IV, 5) eine ganz ähnliche Gegenüberstellung zeigt (spinnende Alte und wohlgekleidete
junge Dame mit Blume): beide Pfarrersköchinnen haben durch die lutherischen Neuerun-
gen eine schwere pekuniäre Einbuße erlitten, aber die eine hat selber etwas zurückgelegt,
die andere muß ihren Unterhalt und den größten Teil des pfarrherrlichen Haushalts durch
Spinnen bestreiten. Auch hier also eine — wenngleich in diesem Falle nicht besonders
tugendreiche— „Frau Armut".
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